Säure-Basen-Relation
 
Sie befinden sich in der Unterrubrik

"Museum
    "Themen
     "Säure-Basen-Relation"

 

Die Säure-Basen-Bilanz - eine vergessene Dimension des Krebsgeschehens

Von K. Windstosser

Zusammenfassung

Alle chronischen und degenerativen Leiden sind mit einer Entgleisung der Säure-Basen-Bilanz im Sinne einer die Normwerte mehr oder weniger stark überschreitenden Azidose des inter- und intrazellulären Raumes verbunden. Besonders die Malignomzellen erreichen infolge ihres Gärungsstoffwechsels weit unter dem Neutralpunkt pH 7 liegende Säurewerte (v. Ardenne). Das Blutserum weist eine reziprok proportional dazu verlaufende Alkalose auf, die physiologisch mit dem Alter, pathologisch mit dem Krankheits- bzw. Krebsgeschehen ansteigt. Ursache dieses Auseinanderdriftens biologischer Normen ist - unter Mitwirkung der bekannten Umweltschäden die in den Industrieländern endemische Fehlernährung, die ein Übermaß an säurebildendem Eiweiß, Feinmehlprodukten und Zucker enthält, bei gleichzeitigem Mangel an - vorwiegend vegetabilen Alkalispendern. Damit finden die verschiedenen, seit der Jahrhundertwende weltweit verbreiteten Ernährungslehren (Bircher-Benner, Blond, McCann, McCarrison, McCollins, Flatcher, Graham, Kollath, Lihmann, Schnitzer, Waerland u.a.) auf der Basis eines mehr oder weniger strengen Vegetarismus mit meist hohem Rohkostanteil ihre Rechtfertigung.
Daß vitalstoffreiche, eiweiß- und fettarme Ernährung vorbeugende und therapieunterstützende Wirkung auch bei Krebskrankheiten hat, beginnt sich trotz wissenschaftlich einwandfreier Argumente (Anemueller, Canzler, DGE, Frentzel, Beynie, Leitzmann, NCI (USA), Renner, Wendt, u.a.) in der etablierten Onkologie erst allmählich durchzusetzen. Ein übersäuerter Organismus befindet sich in maximaler Reaktionsstarre und Immundepression. Deshalb muß die Entsäuerungsdiät, evtl. unter Zuhilfenahme des Heilfastens, gegebenenfalls auch alkalisierender Bikarbonate, bei diesen Krankheiten als Primär- und weiterhin als Basistherapie unbedingt eingesetzt werden. Zur Diagnose und Kontrolle der SäureBasen-Entgleisung stehen verschiedene Methoden zur Verfügung. Auf Sander geht die Messung der - zirkadian an- und absteigenden - Azidose des Harns zurück. Genauer ist die fraktionierte und vergleichende Kontrolle der Pufferkapazität im Vollblut und Serum nach Jörgensen.

Schlüsselwörter

Gewebsazidose, Blutalkalose, Fehlernährung, Eiweißüberschuß, Alkalimangel, Reaktionsstarre, Immundepression.

Summary

All chronic and degenerative complaints are linked to a derailment of the acid-base-balance in the sense of the normal values more or less increased acidosis of the inter- and intracellular space. Especially the malignant cells attain, as a result of their fermentation metabolism, a much lower level of the neutral point of pH 7 (v. Ardenne). The blood serum shows a reciprocal value proportional to the progress of the alkalosis, which increased physiologically with age, pathologically with the development of the illness or with cancer. The reason for this drifting apart from the biological norms is - besides the effects of known environmental damage the endemic unhealthy, refined and deficient nutrition found in the industrial nations. This includes an excess of acid creating protein, refined flour and sugar and at the same time lacks of - primarily vegetable - alkali donors. Based upon this knowledge, there is certainly justification for the various nutritional schools of teaching which have been propagated world wide since the turn of the century (Bircher-Benner, Blond, McCann, McCarrison, McCollins, Flatcher, Graham, Kollath, Lahmann, Schnitzer, Waerland a.o.). These researchers and their proponents advocate a more or less strict vegetarism with a mostly large proportion of raw food.

In spite of incontestable scientific evidence (Anemueller, Canzler DGE, Frentzel, Beyme, Leitzmann, NCI (USA), Renner, Wendt a.o.) that nutrition which is rich in vital parts and low in protein and fat, can have a preventive as well as a supportive therapeutic effect, even in the case of cancer patients, this point of view has only gradually gained acceptance in the established, main stream oncological community. An acidic organism finds itself in a state of maximum torpidity of reaction and immune depression. For that reason proper nutrition to reduce the acidity, if necessary with the help of fasting, or if the need arises also with the help of alkalising bicarbonate, has to be viewed in treating these illnesses as the primary and further on as the basic therapy must absolutely be prescribed.

Several methods are available to diagnose and control the acid-base-derailment. Sander originated the measurement of the acidosis in the urine, increasing and decreasing corresponding to the circadian rhythm. More exact however is the fractioning and comparative testing of the buffer capacity in the whole blood and in the blood serum according to Jörgensen.

Keywords

Tissue acidity, blood alkalosis, improper nutrition, protein excess, lack of alkalidonors, suppression of reaction, immune depression.



Es ist über eine Stoffwechselfunktion zu berichten, die sowohl in der konventionellen als auch in der alternativen Medizin viel zu wenig Beachtung findet. Die fundamentale Bedeutung der Säuren und Basen und ihrer Proportion etwa auch für das Krebsgeschehen soll kurz beschrieben werden.

Das Säure-Basen-Spiel ist Bestandteil gesetzmäßiger Biorhythmik. Es hat enge Zusammenhänge mit der mesenchymalen Grundregulation, mit den Yin-Yang-Phasen, mit dem sympathiko-vagotonen Auf und Ab. Regulationsstarren, Einseitigkeiten in diesen zusammengehörigen Systemen wirken sich krankheitsspezifisch immer in bestimmter Weise pathogen aus. Dies trifft auch auf die Malignome zu, indem wir die Gruppe der Leukosen, Lymphome und Sarkome vorwiegend dem von seiner Anlage her reaktionsbereiten, warmfrontempfindlichen sympathikotonen W-Typ, die Gruppe der Karzinome vorwiegend dem reaktionsträgen, kaltfrontempfindlichen vagotonen K-Typ zuordnen.

Die aus der Erfahrung an Gesunden und Kranken gewonnenen Erkenntnisse über den Säure-Basen-Haushalt begannen in den zwanziger Jahren Gestalt anzunehmen, als der schwedische Chemiker Ragnar Berg sowohl alkalische als auch sauere Mineralsalze in der Asche vorwiegend verzehrter Nahrungsmittel nachwies. Seine weiteren Untersuchungen ergaben regelmäßige Zusammenhänge bestimmter Krankheiten mit einer überwiegend sauren Stoffwechsellage als Folge der damals genau wie heute eiweißüberschüssigen bürgerlichen Küche, die zu wenig ausgleichende, alkalisierende, vegetabile Substanz anbietet. Die von Berg aufgestellte, grundsätzlich noch heute gültige Regel lautet: "Iß fünf- bis siebenmal mehr an Obst, Gemüsen, Kartoffeln und Milch als an aller sonstiger Nahrung." Schon 25 Jahre vor Berg hatte Bircher-Benner ein ganz ähnliches Regime empfohlen und mit dessen klinischer Anwendung viele Heilungen therapieresistenter Krankheiten erzielt. Von Bircher stammt die zusätzliche Forderung, mindestens 50% dieser Kost in rohem Zustand zu essen.

Viele Ärzte und Ernährungsforscher kamen nach Bircher und Berg zu ähnlichen Erkenntnissen, so etwa (alphabetisch) Anemueller, Hoepke, Kollath, Leitzmann, Schnitzer Wendt, Zabel, um nur die bekanntesten Narnen zu nennen. 1989 erschien das Ergebnis einer Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums an 1900 männlichen und weiblichen Vegetariern. Diese wiesen während der insgesamt zehnjährigen Beobachtungszeit einen gegenüber dem Bevölkerungsdurchschnitt bedeutend besseren Gesundheitszustand und ein um 50% niedrigeres Sterberisiko auf. Krankheiten waren insgesamt seltener, heilten rascher aus und verursachten weniger Ausfälle an Arbeitskraft. Bei den Frauen trat Magenkrebs nur einmal auf, gegenüber der 2,3 mal höheren Inzidenz im Bevölkerungsdurchschnitt. Mammakarzinom als Todesursache fehlte völlig gegenüber einer Erwartung von 2 Fällen. Bei den Männern - Vegetarier sind ja meist auch Nichtraucher - wurde Lungenkrebs nur einmal registriert, während er 6, 4mal zu erwarten gewesen wäre. Malignome des Dickdarms und Rektums fehlten bei beiden Geschlechtern völlig, gegenüber 3,5 erwartungsgemäß. Sogar die nicht natürlichen Todesursachen wie Selbstmord und Unfall waren signifikant seltener.

Ähnliche Langzeitstudien an vegetarisch lebenden Gruppen, etwa an Adventisten und Mormonen in den USA, an Buddhisten in Asien, breitgestreute Erhebungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung oder der WHO in verschiedenen Ländern bestätigten die höhere Lebenserwartung und Lebensqualität sowie das niedrigere Krebsrisiko der vegetarisch lebenden Menschen.

Diese epidemiologischen Forschungen liefen parallel zu den Bemühungen, den physiologischen und pathologischen Zusammenhängen der Säuren und Basen auf den Grund zu gehen. In jeder Nahrungsmitteltabelle lesen wir heute die präzisen Mengenangaben bis hin zu den Spurenelementen. Im Wesentlichen hat sich bestätigt, was Bircher-Benner und Ragnar Berg vorweggenommen haben: alkalisierend, also Säureüberschüsse im Organismus neutralisierend und ausleitend wirken Nahrungsmittel mit einem hohen Gehalt an Kalium, Magnesium und Kalzium, zu denen wir heute Selen, Zink und Germanium hinzuzählen. Im Gegensatz dazu stehen die säurebildenden Nichtmetalle Phosphor und Schwefel, enthalten hauptsächlich in allen Getreidearten und in den Proteinen tierischer Herkunft. Die einschlägige Literatur enthält Tabellen mit den Säure- und Basenwerten der Nahrungsmittel und deren Auswirkung im Stoffwechsel.

Das Wasserstoffpotential im strömenden Blut wurde erstmals in den dreißiger Jahren durch Wilhelm v. Brehmer mit einer Nadelelektrode gemessen. Der beim Neugeborenen knapp über dem Neutralpunkt liegende Wert steigt proportional zum physiologischen oder pathologisch beschleunigten Alterungsprozeß an. Er liegt bei gesunden Erwachsenen etwa zwischen 7,3 und 7,5 und wird vom Puffersystem, über das noch zu sprechen sein wird, in engen Grenzen gehalten.

Alle malignen und chronisch-degenerativen Erkrankungen liegen mehr oder weniger weit im Bereich überalkalisierten Blutes.

Die v. Brehmersche Meßtechnik wurde ein Jahrzehnt später durch den Schweizer Frederic Vles um die Hinzunahme des Redoxpotentials rH, als dem Maßstab der Sauerstoff-Aufnahme- oder -Abgabebereitschaft erweitert. Zwischen 1950 und 1960 entwickelte sodann der Hydrologe Louis Claude Vincent sein Bioelektronisches System, das als dritter Parameter noch den Spezifischen Widerstand rho (p) als Kriterium der Mineralsalzkonzentration enthält. Krebsgefährdete und Krebskranke weisen auch in diesen Zahlen charakteristische Abweichungen von der Norm auf. Der physiologische Abfall des Sauerstoff-Gasdruckes p0, vom arteriellen zum venösen Blut ist hier verringert, weil keine optimale Sauerstoffabgabe im durchbluteten Gewebe mehr stattfindet. Damit nimmt das Redoxpotential zu. Verursacht ist dies u.a. durch den Mangel an Zytochromoxidase, die in der Zellmembran die Sauerstoffverwertung ermöglicht. Nachzulesen bei Seeger, der sich lebenslänglich mit diesen Vorgängen befaßt hat. Sauerstoff-Stau im Blut bedeutet Sauerstoff-Mangel in den Zellen, die bei lokaler Prädestination in die anaerob-azidogene Gärung übergeht. Der Krebs nimmt seinen Verlauf.

Die Übermineralisation des Blutes Krebskranker ist die Folge der Auswanderung essentieller alkalischer Elektrolyte aus den Zellen in das Plasma, das wir hier messen. Das Blut "dickt ein" und neigt zu chronisch rezidivierenden Thrombosen. Statt gedankenloser Verordnung von Antithrombiotika sollte man sich in solchen Fällen in der ersten Minute fragen: Ist der Patient krebsgefährdet? Ist der Patient beherdet? Ist der Patient geopathiegeschädigt? Ist der Patient übersäuert?

Vor Beantwortung dieser vier Kardinalfragen sollte grundsätzlich keine Behandlung chronischer oder degenerativer Erkrankungen begonnen werden, sei es auch in bester Absicht und mit den modernsten Immunmodulatoren. Der Mißerfolg ist programmiert, so langejene eingangs erwähnte Regulationsstarre und Unfähigkeit des Organismus besteht, auf noch so gut gewählte Therapie anzusprechen und seine Repairkräfte zu wecken. Ich stelle die Frage in den Raum, ob nicht hier der Schlüssel zur bisher zu beklagenden "Unheilbarkeit" mancher Krankheiten zu suchen ist.

Zur Erkennung solcher Zustände beginnenden oder fortgeschrittenen Stoffwechselversagens, soweit sie mit der gestörten Säure-Basen-Bilanz zusammenhängen, gibt es außer den erwähnten Meßmethoden mit teueren und komplizierten Apparaturen zwei relativ einfache Verfahren, deren sich auch der Praktiker bedienen kann.

1953 hat der Frankfurter Arzt Friedrich Sander die fraktionierte Titration des Harns auf die von den Nieren im zirkadianen Rhythmus ausgeschiedenen Säuren eingeführt. Der morgens maximal saure Harn des Gesunden steigt tagsüber, mitbedingt durch den Säureabruf bei den Mahlzeiten, zwei- bis dreimal in den schwach sauren, besser noch in den neutralen bis schwach alkalischen Bereich. Je flacher diese Bewegung verläuft oder gar ständig unter pH 6 verbleibt, desto größer ist die Gefahr der Gewebs- und Zell-Übersäuerung, die von Sander in eine manifeste und latente Azidose unterteilt wird.

Nach den sehr exakten Messungen Manfred v. Ardenne mit Mikroelektroden weist die Krebszelle den höchsten Säuregrad aller Zellen auf und ist von stark sauren Zellen umgeben.

Die doch etwas umständliche und zeitraubende Titration des Harns nach Sander kann in primitiver Weise und unter Inkaufnahme grober Fehler zunächst durch die Verwendung der alten, billigen Lackmuspapier-Streifchen ersetzt werden. Der Patient ist damit unabhängig vom Arzt und lernt es, sein Säure-BasenVerhältnis selbst zu beurteilen und sich mit seiner Ernährung demgemäß zu verhalten. Eine genauere Anzeige der pH-Zahl erlauben die Indikatorstreifchen Nr. 9557 von Merck. Wenn bei dieser - wie gesagt - fehlerhaften Probe der in Abständen von 2-3 Stunden tagsüber kontrollierte Harn stets sauer reagiert, evtl. in Bereichen unter pH 5 und das sogar nach Einnahme von etwa 5 g Natrium-Bikarbonat, so sollte doch eine genauere Untersuchung der Stoffwechsellage folgen, denn dann liegt der Verdacht auf beginnende oder bereits fortgeschrittene Gewebsübersäuerung und dieser proportionalen Blutalkalose vor. Die in diesem Fall sofort anzuratende Ernährungsumstellung kann je nach Bedarf durch die Einnahme von Bikarbonat unterstützt werden. Am bequemsten und billigsten ist Bullrichsalz, wie denn die fundamentale Therapie der Azidose und ihrer vielfältigen Folgezustände einen wesentlichen Beitrag zur Kostendämpfung leisten könnte, wenn dem nicht wieder einmal die Unbeweglichkeit der Lehrmedizin und ihr Vorwurf der "Unwissenschaftlichkeit" im Wege stünde.

Wie bereits erwähnt, ist für die Aufrechterhaltung des Säure-Basen-Gleichgewichtes die Pufferung zuständig. Sie reguliert im sauren Bereich mit Hilfe von CO2 und den übrigen physiologischen Säuren, im alkalischen Bereich mit den in der Nahrung enthaltenen Alkalien, die vom Organismus nicht gebildet werden können und deren laufende Zufuhr deshalb von lebenswichtiger Bedeutung ist.

Auch für die Feststellung der alkalischen Pufferkapazität gibt es eine von Jörgensen angegebene Untersuchungsmethode, die im kleinen Labor durchgeführt werden kann. Sie besteht aus einer fraktionierten Titration von Vollblut und Plasma mit Säure unter jeweiliger Kontrolle des pH-Wertes mit einem nicht allzu teueren pH-Meter. Ausführung und Auswertung dieses Tests sind dem Buch "Praxis des Säure-BasenHaushaltes" (Grundlagen und Therapie. Karl F. Haug Verlag, Heidelberg 1991) von M. Worlitschek zu entnehmen.

Korrespondenzadresse:

Dr. med. K. Windstosser Humboldstr. 14, 32105 Bad Salzuflen

 


Zu Fragen über das 
Impressum, die Haftung oder das Copyright 
klicken Sei bitte hier

Copyright © Dr. med. Karl-Heinz Braun-von Gladiß, 2002 
www.gladiss.de