Sonderdruck aus
ERFAHRUNGSHEILKUNDE - Zeitschrift für die tägliche Praxis
Band XV 1966 Heft 5
Die Fleischfrage bei der Ernährung Krebskranker
Ein Brief
von KARL WINDSTOSSFR
Sehr geehrter, lieber Herr Kollege!
Unser kürzlich geführtes Telefongespräch bedarf meinerseits noch
einer Ergänzung, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Es tut mir
leid, daß sich unsere Ansichten bezüglich der Ernährung Kranker,
speziell Krebskranker, nicht decken. Nach jahrzehntelangen eigenen
Erfahrungen und in Zusammenarbeit mit anderen, auch nicht unerfahrenen
Kollegen und dem Studium aller erreichbaren Veröffentlichungen kam ich
jedoch zu der Überzeugung, daß es von der Lehre meines Lehrers
BIRCHER-BENNER auch bei dieser Krankheit keine Ausnahme gibt.
Quintessenz seines Lebenswerkes ist die Forderung nach laktovegetabiler,
vitalstoffreicher, genußgiftfreier Ernährung als Optimum für Gesunde
und Kranke, mit geringfügigen individuellen Abwandlungen.
Das Wesentliche unserer Diskussion betraf die Fleischfrage, und in
dieser muß ich Ihnen aus Gründen der Vernunft und des Gewissens, nicht
der Emotion, leider wiedersprechen. Die Speicherung von Cholesterin,
Harnstoff, Harnsäure, Indol und Skatol ist doch gerade beim
Tumorkranken charakteristisch, von SEEGER, ZABEL und anderen Forschern
bestätigt. Fleischkost vermehrt diese toxischen Substanzen im Blut und
Gewebe stets und erschwert deren Ausscheidung durch den Harn.
Sie, sehr geehrter Herr Kollege, befürchten einen eventuellen
Eiweißmangel. Falls wir uns hierüber wirklich einmal im unklaren sein
sollten, so läßt sich dies doch ohne weiteres durch Feststellung der
Eiweißbildung oder mittels der Elektrophorese feststellen (Albumin,
Kroetz-Index usw.). Ich würde nicht anstehen, einem solchen Patienten
Eiweißzulagen zu geben, sah mich aber bei Hunderten von Krebskranken
bisher nie dazu gezwungen. Fast alle meine Tumorpatienten waren
eiweißüberfüttert, von ganz vereinzelten, einseitig ernährten
Fanatikern abgesehen. Und auch diesen ist mit Milcheiweiß beizukommen.
Auch die mit dem Metriplex-Dreifachmeßgerät gewonnenen Werte des
Blut-pH, des Redoxpotentials und des spezifischen Widerstandes, der
Wittingsche Mesenchyrntest, der Dunkelfeldbefund, die Gutschmidtsche
Carcinochromreaktion, die Leberfunktionsproben usw. bessern sich bei
Umstellung auf Bircher-Kost und die damit verbundene ausreichende Zufuhr
von laktovegetabilem Eiweiß am schnellsten und nachhaltigsten. Der
gewiß doch auch sehr erfahrene Prof. ZABEL schreibt in seiner Arbeit
"Ernährung und Krebs" wörtlich: "Seit 20 Jahren
beobachte ich den Verlauf meiner therapeutischen Bemühung bei jedem
einzelnen Patienten fortlaufend in oft wiederholten Untersuchungen, die
mir möglichst umfassend alle Funktionsgebiete zeigen. Was lehrt die
klinische Beobachtung über die Verwendung der Eiweiße in der Diät der
Krebskranken? In der ersten Behandlungszeit ist jedes tierische Muskel-
und Organeiweiß auszuschalten, mindestens für '/4 Jahr, in schweren
Fällen bis zu 1 Jahr. Das tierische Muskel- und Organeiweiß ist zu
ersetzen durch gesäuertes Milcheiweiß. Warum? - Einfach deswegen, weil
das tierische Muskel- und Organeiweiß eine ganz erhebliche Gefahr in
sich schließt. Bei den niemals normalen Verhältnissen des
Magen-Darmkanals des Krebskranken fallen ohnehin mehr
Eiweißfäulnisprodukte im Darm an, als durch die Entgiftungsfunktion
der Leber und der übrigen Körperzellen kompensiert werden können.
Fördern wir derartige Zustände, so bringen wir jenes Organ zum
Erliegen, auf das der Kranke mehr noch als jeder andere chronisch Kranke
angewiesen ist, nämlich die Leber."
Ich möchte dem hinzufügen, daß wir mit Milcheiweiß, Eiklar, Soja,
Hafer- und Hefeeiweiß durchaus auf die erforderlichen 1-1,2 Gramm je
Kilogramm Körpergewicht kommen, nötigenfalls auch darüber. Vor allem
aber geben wir immer wieder Quark, den wir vorteilhaft mit Leinöl
mischen können oder zur Abwechslung mit frischen Früchten. Ich darf
abermals ZABEL zitieren: "Wir müssen uns kurz über die Vorteile
des Quarks zur Deckung des notwendigen Eiweißbedarfes klar werden: 1.
Der Quark beeinflußt das Säure-pH im Magen günstig, was in allen
Fällen ein Plus darstellt. 2. Das Eiweiß des Quarkes ist vorverdautes
Eiweiß. 3. Die im Quark enthaltene Milchsäure unterdrückt die
Eiweißfäule im Darm, entlastet damit die Entgiftungsfunktion der Leber
und wirkt der Alkalose des Krebskranken entgegen. 4. Milcheiweiß ist
als hochwertiges Eiweiß von der gleichen Qualität wie das Muskel- und
Organeiweiß oder das Eiweiß des Eiklars. 5. Von allen in der
diätetischen Praxis bekannten Eiweißsorten ist das gesäuerte
Milcheiweiß das Eiweiß, das am wenigsten durch den Erhitzungsprozeß
verändert wird. 6. Es besteht die Möglichkeit, den Quark als
Magermilchquark, also ohne tierische Fette und damit völlig
cholesterinfrei zu geben. - Wählt man für die Ernährung des
Krebskranken den Magermilchquark in seinen vielen diätetischen
Abwandlungen, so ist der Erfolg derartig überzeugend, daß jeder
objektive Beobachter unterschiedlicher diätetischer Behandlungen nicht
mehr in Versuchung geraten wird, einen solchen Kranken mit Fleisch zu
ernähren."
Ergänzend sei bemerkt, daß es nur bei laktovegetabiler Ernährung
gelingt, der beim Krebskranken fast immer vorhandenen Dysbakterie in
absehbarer Zeit Herr zu werden. Proteus und hämolysierende Darmkeime
verschwinden bei Fleischkost nie.
Bei guter Küchenführung ist die laktovegetabile Kost schmackhaft
und abwechslungsreich, niemals langweilig. Dabei steht einem immer noch
frei, auch einem Krebskranken aus psychologischen Gründen gelegentlich
einmal eine Forelle, Geflügel oder Kalbfleisch zu geben. Bitte aber
dann gekocht, ohne die Brühe, welche verschiedene nachteilig wirkende
Stoffe enthält, und nach dem Kochen eventuell noch gedünstet oder
gegrillt. Mit Schaudern erlebe ich es immer wieder in den Kliniken und
höre es von meinen Patienten, daß sie täglich 2 und 3mal Wurst und
Schinken bekommen, was sich nach den Ansichten VOLLS, RECKEWEGS und
anderer biologisch denkender und beobachtender Kollegen infolge des
hohen Histamin- und Sutoxingehaltes besonders vergiftend auswirkt,
ferner daß sich Krebspatienten süßer Speisen, Marmeladen, des Zuckers
einschließlich Traubenzucker großzügig und unkontrollierbar bedienen
und daß sie weißes Brot, Kartoffeln und andere Kohlenhydrate in
beliebigen Mengen essen. Mit Besuchern wird ausgegangen und gesündigt,
was bei diätetisch ungeschulten und undisziplinierten Patienten leider
ohnehin an der Tagesordnung ist.
Zu einer solchen Umstellung auf Heilkost gehört freilich eine
absolut positive Einstellung und eigene Überzeugung des Behandlers.
Mancher Fleischesser ist für den Vegetarismus erst zu gewinnen, wenn er
aufgeklärt und psychologisch geschickt geführt wird. Und es ist schon
viel gewonnen, wenn ein solcher Patient zunächst auf Schweinefleisch
und alle schweinefleischenthaltenden Speisen, Würste usw. sowie fette
Soßen und andere tierische Fette verzichtet. Wenn er außerdem noch
Zucker und Weißmehlprodukte meidet, ist schon viel gewonnen. Fühlt
sich ein solcher Kranker unter diesem Regime allmählich wohler, klappt
es besser mit der Verdauung, verliert er seine Schmerzen, beginnt seine
kachektische Gewichtsabnahme zum Stillstand zu kommen, so wird sich
seine anfängliche Skepsis oder Ablehnung - auch die der Umgebung - in
Überzeugung verwandeln. Die besten Erfolge sind immer die ohne Zwang
erzielten. Erleichternd wirkt bei solchen Umgewöhnungen die
Gepflogenheit der Reformküche, zu jeder Mahlzeit Rohkost oder Obst zu
geben, und zwar möglichst als ersten Gang, als Frühstück das bekannte
Bircher-Müsli und zwischendurch ein Glas Frischsaft, wie denn der
Krebskranke überhaupt so viel wie möglich trinken sollte. Ich bin
überzeugt, daß manche Tumorkrankheit einen anderen Verlauf genommen
hätte, wenn die Ernährung in Klinik und Praxis strenger gehandhabt
worden wäre. Auch ich habe aus den letzten 15 Jahren einige hundert
Krebskranke aufzuweisen, von denen die Mehrzahl am Leben ist, und glaube
daher, schon ein Wörtchen mitreden zu können. Leute wie ZABEL, KUHL,
BUDWIG, SEEGER, VAN DORP VAN VLIET usw. sind auch nicht durchwegs
Fantasten. Nachteile habe ich von einer radikalen Kostumstellung in
diesem Sinn bei noch vorhandener Regenerationsfähigkeit jedenfalls nie
gesehen, immer einen günstigen Krankheitsverlauf mit Nachlassen der
Malignität, mit Gewichtszunahme, erhöhter Wirksamkeit medikamentöser
Behandlung usw.
Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir wissenschaftliche - und nicht
emotionelle - Argumente dafür erbringen könnten, daß Pflanzen- und
Milcheiweiß dem Fleischeiweiß bei der Ernährung des Krebskranken
unterlegen sei. Denn mir sind aus allen einschlägigen
Veröffentlichungen keine Beweise hierfür bekannt, wohl aber viele
Stimmen und viele eigene Erfahrungen, die für das Gegenteil sprechen.
Deshalb kann ich mich Ihren Ansichten auch nicht anschließen und werde
alles tun, meine Patienten und alle daran interessierten Kollegen vom
Wert der laktovegetabilen Kost bei allen malignen Erkrankungen zu
überzeugen. Hinsichtlich der Kohlenhydrat- und Fettfrage muß ich mich
in diesem Rahmen auf die obigen Andeutungen beschränken. Vielleicht
gibt uns eine eventuelle Fortsetzung unserer Korrespondenz hierzu
weitere Gelegenheit. Das Wichtigste habe ich bereits in meinen
"Ernährungsgrundregeln" niedergelegt, die Ihnen und Ihren
Patienten jederzeit zur Verfügung stehen und in denen Sie keine
unbeweisbare Behauptung finden. Es ist keineswegs notwendig, einen
Krebskranken mangelhaft zu ernähren oder ihn für immer zum Vegetarier
zu machen. Das erste Jahr ist aber entscheidend. Da darf kein Fehler
gemacht werden. Ich bin überzeugt, daß jede wirksame Heilmethode noch
bessere Erfolge aufzuweisen hätte, wenn sie intensiver mit richtigen
diätetischen Maßnahmen verbunden würde, die der Behandler auch am
eigenen Körper erproben sollte. KOLLATH sagte auf dem Krebskongreß
1953 in Berchtesgaden: "Man gewinnt immer mehr den Eindruck, daß
die Wahl der Therapie häufig von der Konstitution und den Neigungen des
Arztes statt von den sicher feststehenden Ergebnissen unserer
Wissenschaft geleitet wird." Dies trifft bestimmt bei den
Befürwortern einer fleischreichen Ernährung Krebskranker zu.
Ich möchte Ihnen und allen Kranken gerne helfen. Unter Fortsetzung
einer fast unveränderten bürgerlichen Küche ist dies aber
grundsätzlich nicht möglich, so wenig es möglich ist, einem
Diabetiker damit zu helfen. Gewiß ist der Erfolg einer richtigen Diät
beim Krebskranken schwer nachweisbar. Aber in einigen Jahren, nach
Entwicklung und Verbesserung mancher diagnostischer Feinmethoden, wird
auch die rechte Ernährung zu unseren Waffen gegen die Seuche des 20.
Jahrhunderts zählen. An dieser unzweifelhaften Entwicklung ändern auch
einige Meckerer und Besserwisser nichts, weder in den Reihen der
Behandler noch in den Reihen der Patienten. Die liebgewordene Gewohnheit
und der Gaumenkitzel ist ihnen wichtiger als Erkenntnis und Gesundheit.
Sie bleiben unbelehrbar - und krank.
Mit freundlichen kollegialen Grüßen!
Ihr Dr. Windstosser
(Anschr. d. Verf.: 8183 Rottach-Egern, Ringbergklinik)
Sonderdruck aus
Krebsgeschehen
Prophylaxe, Ätiologie, Diagnostik, Therapie, Rehabilitation
Zeitschrift für Blut- und Geschwulstkrankheiten (Begründet 1963 durch
G. J. Ludwig Zetti, Arzt für Allgemeinmedizin, München) und prä- und
postoperative Tumortherapie
5. Jahrgang 1973, Heft 5, Verlag für Medizin Dr. Ewald Fischer
Grundsätzliches zur Ernährung des Krebskranken
und Krebsgefährdeten
(Kurzfassung eines Vortrages am 4. 11. 72 in Baden-Baden.)
Von K. WINDSTOSSER
Der Vollwertkost gebührt im Rahmen der ganzheitlichen prä- und
postoperativen Tumortherapie der erste und wichtigste Platz. Riess von
der I. Universitäts-Frauenklinik München schreibt: "Die
stoffwechselaktive Ernährung stellt die Basis für die allgemeine
innere Behandlung der Krebskranken dar." Eine solche Kost vermag
die Abwehrkräfte zu mobilisieren, die Regulationsvorgänge zu
unterstützen, die Regeneration inaktiver oder geschädigter Gewebe zu
gewährleisten, die Sauerstoffutilisation zu fördern. Selbst in Stadien
der Unheilbarkeit trägt sie zur Verbesserung des Allgemeinbefindens und
der Lebenserwartung sowie zur Linderung eventueller Therapieschäden
bei. Die an eine optimierte Ernährung zu stellenden Forderungen sind:
- Die ausreichende Zufuhr essentieller Lebens-, Wuchs- und
Wirkstoffe, insbesondere zytoplasmatischer und enzymatischer Art.
Sie sind hitzeempfindlich, also nur in nicht denaturierter Nahrung
enthalten,
- Die Aktivierung körpereigener enzymgesteuerter Metabolismen und
Assimilationsvorgänge, besonders der Sauerstoffutillsation,
- Die Steuerung des Säure-Basenausgleiches, der
Oxydo-Redoxvorgänge und des Elektrolytstoffwechsels,
- Die Vermeidung exzessiver Blutzuckeranstiege und -abfälle, also
die Erzeugung eines ausgeglichenen, niedrig liegenden
Blutzuckerspiegels,
- Die Gewährleistung eines in qualitativer und quantitativer
Hinsicht optimal zusammengesetzten Blutes und Blutserums,
- Die einwandfreie Funktion der Leber als des wichtigsten
Stoffwechsel- und Entgiftungsorgans,
- Die sympathikotone Weitstellung der kapillären Strombahn,
- Die Qualitätssteigerung des Mesenchyms und Retikuloendothels,
- Die Unterstützung der natürlichen Aufgaben des Darmes und seiner
Anhangsorgane, also der Peristaltik, der lokalen pH-Regulation, der
Assimilations- und Resorptionsvorgänge, des Aufbaues und der
Erhaltung einer physiologischen Darmflora und des Abbaues der bei
Krebsgefährdeten obligaten Dysbiose,
- Die maximale Steigerung der sowohl generellen als auch
spezifischen Abwehrkraft und Immunität.
Der bürgerlichen Küche - noch heute in fast allen Krankenhäusern
und Kliniken praktiziert - fehlen Vitalstoffe, Auxone, Spurenelemente.
Sie sättigt, nährt aber nicht im biologischen Sinn. KOLLATH nannte den
durch eine solche Kost unterhaltenen Zustand Mesotrophie. Nur eine
Ernährung, die den 10 erhobenen Forderungen entspricht, kann als
Heilnahrung bezeichnet werden. Ihre Durchführung ist nicht immer
einfach, aber sie ist lebenswichtig und schicksalentscheidend. Grobe
Gift- und Schadenswirkung haben als selbstverständlich ohnehin
auszuschalten. Ihre Erkennung und Vermeidung ist die Aufgabe des immer
wichtiger werdenden Verbraucherschutzes.
Um die Jahrhundertwende erkannte BIRCHER-BENNER als erster die
Bedeutung der Vollwertkost. Sie setzt Verzicht auf manche herkömmliche
Gepflogenheit der Küche und Gewohnheit des Gaumens voraus. Vor allem
hat weitgehend die Denaturierung durch Hitze wegzufallen. Qualität hat
vor Quantität den Vorrang, laktovegetabile Zusammensetzung vor einem
übermaß an animalischen Bestandteilen. Die Idealforderung der schon
vom Boden her gesunden und hochwertigen Erzeugnisse ist leider erst zum
kleinsten Teil erfüllbar. Diesbezügliche Aufklärung durch die
Massenmedien sollte ebenso gefördert werden wie jede praktizierte
Nutzanwendung. Zum Nachweis der dadurch erzielbaren
biologisch-qualitativen Vorzüge sind die herkömmlichen
chemisch-analytischen Methoden ungeeignet. Wir bedürfen dazu der viel
feineren Kriterien dynamischer, formbildender, biologischer Art.
An der Spitze des Speiseplanes für den Krebskranken und
Krebsgefährdeten hat somit die Rohkost zu stehen. In ihr sind die
gesamten metabolischen und genetischen Kräfte enthalten, die durch den
Kochprozeß zerstört werden. Rohkost ist permanente zytoplasmatische
Therapie! Mit biologisch toter oder halbtoter Nahrung können keine
Heilungsvorgänge ausgelöst oder unterhalten werden. Deshalb sollte
auch der veraltete Begriff Diät durch die Bezeichnung Heil- oder
Vollwertkost ersetzt werden. Denn Diät im herkömmlichen Sinn ist nie
vollwertig, sondern Mangelkost. Funktionelle Schwächen oder
Organdefekte werden durch sie überbrückt, aber unterhalten und nicht
geheilt. Gerade der kranke Organismus bedarf aber des Nahrungsintegrals
(BIRCHER-BENNER), an das er nötigenfalls allmählich herangeführt
werden muß. Häufigen kleinen Portionen ist dabei der Vorzug gegenüber
den üblichen 3 Mahlzeiten zu geben, wenngleich dies für Pflege und
Klinik eine erhebliche personelle Belastung darstellt. SALZBORN erhob
diese Forderung schon in den 20er Jahren und erzielte damit auch bei
Inkurablen erstaunliche Erfolge.
Das Geheimnis einer gut bekömmlichen Rohkost ist ihre delikate
Zubereitung. Schmackhafte, abwechslungsreiche Soßen mit vielerlei
Gewürzen und Kräutern sind das Kriterium einer wirklich gekonnten
Küche. Auf diese Weise läßt sich roh fast alles zu feinsten Gerichten
verarbeiten, was auf konventionelle Weise gekocht oder gedünstet wird.
Allerdings muß der Kranke gut kauen können, was gelegentlich der
obligaten ärztlichen beziehungsweise zahnärztlichen Gebißuntersuchung
ohnehin festgestellt und nötigenfalls in Ordnung gebracht wird.
Die Rohkost ist - auch bei der üblichen Verteilung der Mahlzeiten -
grundsätzlich als erstes anzubieten und vom Kranken zu verzehren. Zum
Frühstück ist es das Vollkorn-Getreide, das als Gemisch von
angekeimtem Hafer, Roggen und Weizen als Grundlage für das
Bircher-Müsli dienen sollte. Mittags sind es die vielerlei Sorten von
Blättern, Wurzeln und Knollen, die je nach Jahreszeit frisch geraspelt,
in den Wintermonaten auf natürliche Weise konserviert als Sauerkraut,
als milchsaure Gemüse oder auch tiefgekühlt auf den Tisch kommen. Als
warme Beigabe ist es zweckmäßig, zwischen Kohlenhydraten und Eiweiß
abzuwechseln, diese also nach der Regel der Hayschen Trennkost nicht
gleichzeitig zu geben. 2-3mal wöchentlich können es (beliebig
zubereitet) Pellkartoffeln, Vollreis, Buchweizen oder Vollkorn-
beziehungsweise Soja-Teigwaren sein, 2-3mal eine kleine Portion Fleisch
(oder Leber) von Rind, Hammel, Wild oder Fisch. Vor Mastgeflügel, Kalb
und Schwein in jeder Zubereitung (also auch Wurst und Schinken) sei
nachdrücklich gewarnt. Die Rückstände der chemischpharmazeutischen
Futterzusätze haben hier eine beängstigende Höhe erreicht.
Abends kommt vorteilhafterweise der Eiweißbedarf zu seinem Recht,
wobei wir den natürlich gesäuerten Molkereiprodukten den Vorzug geben.
Süßmilch ist für den Krebsgefährdeten weniger ernpfehlenswert. Sie
ist wachstumsanregend, was ihrer Bestimmung als Säuglingsnahrung
durchaus entspricht, mit der Wachstumstendenz der Geschwulst aber
vielleicht doch nicht recht harmoniert. Durch den bakteriellen
Säuerungsprozeß verliert die Milch diesen fast
"hormonähnlichen" Charakter, sie wird
"verpflanzlicht" und damit auch in ihrer biologischen Wirkung
verändert. Sanoghurt, Bioghurt, Buttermilch, Dickmilch, Kefir, vor
allem aber Quark und milde Magerkäse sind für den Abend die geeignete
Nahrung. Durch dazugequirltes Reformhaus-Öl läßt sich der kalorische
Wert dieser Quarkspeisen steigern, durch Gewürze wie Paprika, Curry,
Kümmel, Hefepräparate oder auch durch zerschnittenes Obst, Beeren etc.
der Geschmack mannigfach variieren.
Zucker darf der Krebsgefährdete in keiner Form genießen, auch nicht
als Fruchtzucker. Er ist ein chemisch reines Produkt, „leere Kalorie“,
und verstößt als solcher gegen das Gesetz vom Nahrungsintegral. Auch
Honig und süßes Dörrobst sollte mindestens während des ersten
Behandlungsjahres vermieden werden. Man gewöhnt sich rasch an den
Eigengeschinack der Speisen und entbehrt das Süße alsbald kaum mehr.
Die Milchsäurefrage ist noch nicht restlos gelöst. Wahrscheinlich
hat man der rechtsdrehenden Milchsäure lange Zeit eine unverdiente und
übertriebene Würdigung angedeihen lassen. Auch sie kommt ebensowenig
wie Zucker - in reiner Form in keinem Naturprodukt vor. Die Gärung
erzeugt stets rechts- und linksdrehende Milchsäure, wenngleich die
rechtsdrehende Form vorherrscht und als die physiologisch wertvollere
und wichtigere zu gelten hat. Sie wird im Organismus als Energiespender
verwertet und wirkt als solcher - zu Tumorzellkulturen gegeben - zwar
gärungswidrig und atmungsfördernd, aber auch wachstumssteigernd (KUHLMEY).
Die medikamentöse Wirkung chemisch reiner Milchsäure, auch in ihrer
rechtsdrehenden Form, ist also noch durchaus problematisch. In ihren
natürlichen Komplexen ist die Milchsäure sicherlich nützlich und
wertvoll, ähnlich dem Zucker in seiner natürlichen Form der
Vollkornprodukte und Früchte.
Getränke soll der Krebsgefährdete reichlich zu sich nehmen, weil
die hier vorherrschende Vagotonie imrner mit einer gewissen
Flüssigkeitsverarmung und Austrocknungstendenz verbunden ist.
Demineralisiertes beziehungsweise destilliertes Wasser hat den Vorteil
stärksten Lösungsvermögens und maximaler Diurese. Es ist zur
Zubereitung von Tee und zum Verdünnen (ungesüßter) Obstsäfte in
einer täglichen Menge von 1-2 Litern empfehlenswert. Im übrigen stehen
vielerlei natürliche oder milchsaure Säfte aus dem Reformhaus zur
Verfügung, desgleichen Buttermilch und alle bereits erwähnten
milchsauren Molkereiprodukte. Auch ein gelegentliches Diätpils, ein
natürlicher reiner Wein oder zuckerfreier Sekt (S&C) ist durchaus
erlaubt, wenngleich nicht täglich.
Wer optimale Erfolge mit der ganzheitlichen Krebstherapie erzielen
will, kann auf die fehlerfreie und vollwertige Ernährung seiner
Patienten nicht verzichten.
Empfehlenswerte Literatur zur praktischen Durchführung der
beschriebenen Kostform:
- KRETSCHMER-DFHNHARDT, L.: Die Ernährung des Krebsgefährdeten und
Krebskranken. Karl F. Haug Verlag, Heidelberg.
- MAR, L.: Wie man Rohkost zubereitet. Walter Hädecke Verlag, Weil
der Stadt.
- MAR, L. U. KLEINE, H. O.: Krebsdiät. Walter Hädecke Verlag, Weil
der Stadt.
- PAPE, H. u. WARNING, H.: Vollwert-Ernährung des Krebskranken.
Über Reformhäuser erhältlich.
- RIES, J. K. u. ANEMUELLER, H.: Anleitung zu einer
stoffwechselaktiven Kost.
Über Reformhäuser erhältlich.
- SCALA, F. J.: Diät gegen Krebs. Sensen-Verlag, Wien.
- SCHULTZ-FRIESE, W. U. GADAL, G.. Rezepte für eine krebsfeindliche
Vollwertkost. Bircher-Benner Verlag, Bad Hornburg v. d. H.
- THIELE, W.: Mehr Frischkost! Verlag Walter Thiele, 8184 Gmund.
- Verein für Krebsforschung: Kochrezepte für die Ernährung von
Turnorgefährdeten und Tumorkranken. Erhältlich beim Herausgeber,
7000 Stuttgart 75, Postfach 98.
- ZABEL, W.: Die interne Krebstherapie und die Ernährung des
Krebskranken. Bircher-Benner Verlag, Bad Homburg v. d. H.
(Anschrift des Verfassers: Dr. med. K. Windstosser, 4902 Bad
Salzuflen, Moltkestraße 13)
Sonderdruck aus: Hilfe und Selbsthilfe bei
Krebsgefährdung
4,2 (1985) 26-29
Verlag für Medizin
Dr. Ewald Fischer GmbH, Heidelberg.
SIGNAL
Ernährung bei Krebs
(Kurzfassung eines gleichnamigen Vortrages, gehalten vor den
Patienten-Selbsthilfegruppen der Gesellschaft zur Bekämpfung der
Krebskrankheiten Nordrhein-Westfalen.)
Von Dr. K. Windstosser
Ziel jeder Heil- und Vollwertkost ist eine Wiederherstellung und
Erhaltung natürlicher Ordnung. Krebs ist das Resultat bewußter oder
unbewußter, z. T. schon von den Vorfahren begangener Verstöße gegen
die biologischen Ordnungsgesetze. Die Entfernung der Geschwulst ist
wichtig, die Geschwulstkrankheit, das „Tumormilieu“ wird jedoch
dadurch nicht beseitigt. Diese Aufgabe muß vom Organismus selbst
bewältigt werden. Dabei helfen ihm die ganzheitsmedizinischen
Maßnahmen, unter denen die Ernährungsumstellung eine hervorragende
Rolle spielt. Die chirurgisch, radiologisch und chemotherapeutisch
erzielbaren Erfolge werden dadurch stabilisiert, vertieft und
verbessert, der mit diesen Mehoden leider immer verbundene
Therapieschaden gemildert und schneller überwunden.
Das Verhalten des von einem Geschwulstleiden Betroffenen unmittelbar
nach der Diagnosesteilung und die in völliger Kenntnislosigkeit des
Kranken, in Panik und in falscher Reihenfolge überstürzt einsetzenden
Maßnahmen können bereits in der ersten Stunde schicksalsentscheidend
sein. Je kritischer die Situation, desto wichtiger sind nunmehr
Überlegung, Kenntnis der Behandlungsmöglichkeiten und Umstellung der
Lebensweise von heute auf morgen.
Die für den Krebsgefährdeten von nun an geltenden
Ernährungs-Grundregeln sind folgende:
1. Nahrungseinschränkung! Dies besonders bei Übergewicht, denn jede
nicht benötigte Kalorie füttert den Krebs. Keine weitere Abnahme
jedoch bei Untergewicht. Biologische Qualität der Kost ist fortan
wichtiger als deren Quantität. Lieber etwas öfter und dann kleinere
Portionen essen.
2. Eiweißeinschränkung! Die übliche Durchschnittskost enthält zu
viel Eiweiß, besonders tierischer Herkunft. Es belastet das Blut,
verengt die feinen Blutgefäße, begünstigt die degenerativen
Zellveränderungen und behindert jeden Heilungsvorgang.
3. Weg von Feinmehlprodukten und Zucker! Sie durchkreuzen jede
erfolgversprechende Krebstherapie. Von frühester Kindheit an
verursachen und unterhalten sie viele, z. T. irreparable
Gesundheitsschäden und Krankheitsdispositionen. Nur das volle Korn mit
allen seinen Bestandteilen ist ein echtes Lebensmittel, sei es Roggen,
Weizen, Hafer, Gerste, Mais, Reis, Hirse, Grünkern, Buchweizen usw. in
allen Varianten ihrer Zubereitung. Als Zuckeraustauschstoff sollte nur
Canderel verwendet werden (Apotheke).
4. Fetteinschränkung! Zu fordern ist auch hier biologischer
Vollwert. Deshalb verwende man ausschließlich kaltgeschlagene Öle und
nichtgehärtete Streichfette. Butter ist nicht verboten, muß gegenüber
den atmungsaktiven und cholesterinfreien Pflanzenfetten jedoch
zurücktreten.
5. Rohkost! Sie ist der eigentliche Schlüssel zur Gesundheit. Jede
Art von Erhitzung zerstört Leben, auch die Lebendigkeit unserer
Nahrung. Leben kann aber nach ewigen Gesetzen nur durch lebendige
Substanz erhalten werden. Was roh gegessen werden kann, ist lebendig.
Kochen, Braten Backen, Dämpfen, Dünsten und Grillen liefert tote
Nahrung. Bircher-Benner forderte schon vor hundert Jahren: Je kränker
der Mensch, desto höher sei der rohe Anteil seiner Speisen. Dies
erfordert: Qualitätswahl beim Einkauf, Umstellung der Küche,
Delikatesse und Variation bei der Zubereitung, Umerziehung des
Geschmackes, gründliches Kauen.
6. Natürliche, genußgiftfreie Getränke! Alle Mineralwässer und
harten Leitungswässer sind wegen ihres hohen Gehaltes an anorganischen
Salzen abzulehnen. Es gibt jedoch einige extrem mineralarme Quellen, die
dem Gesunden und Kranken zu empfehlen sind: Die Haderheckquellen in
Königstein, Eau de Volvic aus Frankreich, Eau de Spa aus Belgien. Diese
Sorten sind auch in der Küche zu verwenden. Weitere natürliche
Getränke sind alle nicht zusätzlich gezuckerten Obst- und
Gemüsesäfte sowie deren milchsauren Zubereitungen. - Milch wird im
gesamten Naturreich vom erwachsenen Lebewesen nicht mehr getrunken, Man
ersetze sie weitgehend durch Sojamilch, kann sie jedoch - unter
Beachtung der Eiweiß-und Fettbeschränkung - in mäßiger Menge und nur
in Form ihrer milchsauren Gärungsprodukte wie Quark, Kefir, Sanoghurt,
Sauermilch und Buttermilch sowie schwach gesalzener Käse genießen.
Der Tages-Speiseplan gestaltet sich unter diesen Umständen etwa so:
Früh:
Müsli, obligat und so geschrieben, bestehend aus Keimkorn (je 1
Kaffeelöffel Sprießkorn-Weizen, -Roggen und -Hafer, keinesfalls
geschrotet, sondern angekeimt. Dies dauert im Winterhalbjahr 3 x 24
Stunden, im Sommer 2 x 24 Stunden. Es muß richtig gemacht werden,
Auskunft gibt das Reformhaus), dazu je die gleiche Menge Linusit,
Vollkorn-Haferflocken, Weizenkleie, evtl. zusätzlich Weizenkeime; grob
geriebener Apfel und zum Anrühren Sojamilch nach Belieben. Vollkornbrot
mit Fettaufstrich, Quark, Käse, zuckerfreier Marmelade (diese erst in
fortgeschrittenen Heilungsstadien fruchtzuckergesüßt).
Mittags:
Rohlkost stets an erster Stelle und zum Sattessen! Sie besteht aus
mehrerlei geriebenen oder geschnittenen Blattgemüsen, Knollen und
Wurzeln, evtl. auch rohem Sauerkraut. Alles delikat angemacht mit
verschiedenartigen Soßen, mayonnaiseähnlich, nahrhaft zubereitet auf
der Basis von Quark, Kefir, Sahne, Öl , Mandelmus, variiert durch
Zugaben von Tomatenmark, Senf, gehacktem Ei, fertigen handelsüblichen
Salatsoßen, Gewürzen, jedoch unter Kochsalzeinsparung. Als warme
Beigabe Kartoffelgerichte, Hülsenfrüchte, Sojazubereitungen,
Vollkornprodukte wie Reis, Teigwaren, evtl. daraus hergestellte Suppen
oder Breie (siehe oben unter 3).
Abends:
Entweder in Richtung Kohlenhydrate, ähnlich wie unter Mittags
angegeben, unbedingt wieder mit etwas Rohkost oder Obst, oder in
Richtung Eiweiß: Milchsaure Molkereiprodukte, Quarkzubereitungen,
Käse, ab und zu auch eihaltige Speisen.
Zu unterscheiden ist stets zwischen den Stufen
Vegetabil-Laktovegetabil - Ovo-Lakto-Vegetabil. Sie entsprechen in etwa
dem jeweiligen Stadium des Genesungsvorganges (siehe oben unter 5).
Anleihen an die Fleischküche sollten die große Ausnahme bleiben und
während der ersten Behandlungswochen ganz unterbleiben. Wild, Schaf,
Rind, Freilandgeflügel und Fisch sind in diesen Fällen zu bevorzugen.
Zum Verständnis dieser Ernährungs-Grundregeln und zur
küchentechnischen Anwendung derselben sollte wenigstens das eine oder
andere der unzähligen Bücher diätetischen Inhaltes herangezogen
werden. Empfehlenswerte Titel für den Krebsgefährdeten und seine
Angehörigen sind folgende, alphabetisch nach den Verfassernahmen
aufgeführt:
Weiterführende Literatur:
- Gabriel, I.:Rohkost. Falken Verlag. 6272 Niedernhagen.
- Kretschmer-Dehnhardt, L.: Die Ernährung des Krebsgefärdeten und
Krebskranken. 8. Auflage. Karl F. Haug Verlag. Heidelberg 1984.
- Kuhl, J.: Krebs - Krankheit - Ernährung. Viadrina Verlag. 3389
Braunlage.
- Leyk, H.: Spezialdiät für die Molekulartherapie. Karl F. Haug
Verlag, Heidelberg. 1983.
- Mar, L.: Wie man Rohkost zubereitet. Walter Hädecke Verlag. 7252
Weil der Stadt.
- Mar, L., Kleine, H. O., WINDSTOSSER, K: Krebshilfe durch
Vollwertkost. Walter Hädecke Verlag. 7252 Weil der Stadt.
- Ries, J. K, Anemueller, H.: Anleitung zu einer stoffwechselaktiven
Kost. Herausgegeben von der Bayerischen Krebsgesellschaft,
Tumblingerstr. 4, 8000 München 2, erhältlich (auf Bestellung)
über Reformhäuser.
- Schultz-Friese, W, Gadal, G.: Rezepte für eine krebsfeindliche
Vollwertkost. Bircher-Benner Verlag. 6380 Bad Hornburg.
- Zabel, W: Die interne Krebstherapie und die Ernährung des
Krebskranken. Bircher-Benner Verlag. 6380 Bad Homburg.
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