
![]()
![]() |
ErnährungSie befinden sich in der Unterrubrik |
DER NATURARZTHerausgeber: Deutscher Bund für naturgemäße Lebens- u. Heilweise (Naturheilbund) e.V. Berlin W15, Bayerische Str. 6; Schriftleiter: Medizinalrat Dr. med. Gmelin, Immenstaad/Bodensee; Verlag: Paracelsus-Verlag G.m.b.H., Stuttgart O. 86.Jahrgang, Februar 1964, Nr. 2 Das Fasten bei Mensch und TierVon Dr. med. K. Windstosser Es ist ebenso merkwürdig wie bedauerlich, daß trotz umfangreicher Literatur und intensiver Praktizierung an mehreren Stellen des In- und Auslandes immer noch Unklarheiten und Vorurteile über den Fastenvorgang im allgemeinen, über das Heilfasten im speziellen bestehen. Im Interesse unzähliger Kranker wäre es wünschenswert, daß es hierüber bei Ärzten und Heilpraktikern keine Unkenntnis mehr geben sollte und daß das Heilfasten insbesondere in die Krankenhäuser und Kliniken Eingang finden möge. Die Tatsache seiner bisherigen Vernachlässigung ist umso sonderbarer, als durch ein richtig geleitetes Fasten kaum je ein Schaden anzurichten ist, die damit zu erzielenden Besserungen und Heilungen jedoch sicher, regelmäßig, nachhaftig und nicht selten geradezu erstaunlich sind. Der Verfasser wendet es nunmehr seit genau 30 Jahren in jedem nur irgendwie geeigneten Krankheitsfall an und freut sich, anläßlich dieses bescheidenen Jubiläums seiner Erfahrung und unverminderten Begeisterung in gedrängter Kürze Ausdruck verleihen zu dürfen. Das Fasten ist die abstrakteste und dennoch wirksamste Behandlungsmethode innerhalb der modernen NaturheiIkunde. Systematisch erst seit einigen Jahrzehnten in das biologisch-therapeutische Programm eingereiht, ist das Fasten doch so alt wie die Menschheit selber, ja, eigentlich zeitlos alt. Es ist gewissermaßen die primitivste Heil- und Ausgleichsmethode, deren sich die Natur bedient bei allen Lebewesen. Wenn im Winter jedes Kraut, jeder Baum unter Schnee und Frost monatelang nahezu ohne jede Aufnahme von Nährstoffen weiterlebt, sein Laub abwirft, seinen Stoffwechsel auf ein Mindestmaß beschränkt und den noch erfoderlichen Nahrungsbedarf aus seinen Vorräten deckt und diese aufzehrt, so haben wir hierin eigentlich schon das Urbild des Fastens vor uns. Dieses Verbrauchen und Verbrennen aller Depots und Ablagerungen, gleichviel ob normaler oder krankhafter Herkunft, ist das Hauptcharakteristikum des Fastens in physiologischer Hinsicht. Etwas ganz Ähnliches spielt sich bei den Tieren im Winterschlaf ab, der ja auch ein monatelanges Fasten bei völliger körperlicher Ruhe ist. Bei verschiedenen Tieren (Schildkröten, Schlangen, Blutegeln, Käfern, Zecken, Wanzen, Läusen usw.) finden wir die Fähigkeit, erstaunlich lange Zeit (bis zu mehreren Jahren) ohne Nahrung auszukommen. Und wenn diese Tatsache auch nicht als "Heilfasten" zu bewerten ist, so zeigt sie doch die wunderbare Anpassungsfähigkeit der Natur an die Gegebenheit eines gelegentlichen Nahrungsmangels. Instinktives Fasten beobachten wir bei den Tieren sodann während des Haar- und Federwechsels, besonders aber während des Brütens oder in der Zeit der Paarung. Die Kampfzeit der Pinguine ist immer mit einem längeren Hungern verbunden. Die Lachse wandern bekanntlich scharenweise aus dem Ozean Hunderte von Kilometern die Flüsse aufwärts, um dort zu laichen. Sie überspringen dabei hohe Wehre und bewältigen die schwersten Hindernisse, nehmen aber während dieser ganzen mehrwöchigen Wanderzeit keine Nahrung zu sich und magern auf einen Bruchteil ihres ursprünglichen Gewichtes ab. Ähnliches beobachten wir bei den Aalen während ihres Zuges zu ihren Laichplätzen im Karibischen Meer. Sie fressen ebenfalls mehrere Monate nichts, ohne dadurch Schaden zu nehmen. Erinnert sei auch noch an das Puppenstadium der Insekten, das als monatelange Hungerperiode dennoch die Verwandlung in den farbenprächtigen, hochdifferenzierten Schmetterling ermöglicht. Spontan fasten Tiere stets auf Grund von Krankheiten, Vergiftungen und Verletzungen. Jede Katze, jeder Hund zieht sich im kranken Zustand in die Einsamkeit zurück. Das Tier gibt sich ganz seiner Krankheit hin, nimmt höchstens Wasser, aber kein Futter zu sich, und kommt oft erst nach Tagen, ja Wochen, bis auf die Knochen abgemagert, wieder zum Vorschein, aber gesund und munter und von unersättlicher Freßlust. Auch die natürliche Futterknappheit im Winter ist eine Fastenzeit für die Tiere. Werner Zimmermann berichtet, daß die Weizenfarmer Nordwestkanadas im Herbst ihre Pferde, deren Dienst sie nicht mehr benötigen, einfach frei laufen lassen und ihnen weder Obdach noch Futter geben. Oft fegen eisige Stürme über die weiten Ebenen, bei 30 und 40˚ Kälte. Auf den Feldern stehen vom Dreschen her die riesigen Strohhaufen. Dort wühlen sich die Pferde ein, suchen Schutz und finden auch spärliches Futter, Stroh und einzelne Körner. Wie die wilde Jagd brausen ganze Trupps daher, um sich zu erwärmen, die struppigen Haare mit dicken Eiskrusten bedeckt. Im Frühjahr tragen die Tiere lange Pelze und sind zu Skeletten abgemagert, doch kerngesund und munter. Auch in der Pflanzenwelt finden wir Parallelen für die regenerierende Wirkung einer vorübergehenden Nahrungsbeschränkung. Ein Saatgutzüchter berichtete dem Verfasser, daß zur Gewinnung hochwertiger Samen die Stammpflanzen keineswegs eine - wie man glauben möchte - besonders reichliche Düngung, Bewässerung und Pflege bemkommen dürfen, sondern daß gerade die Haltung dieser Pflanzen auf kargen Böden ohne Dung und kaum bewässert, also gewissermaßen bei einem Existenzminimum, eine ungewöhnliche Qualitäts- steigerung der Erbmasse bewirke. Auch nach langen strengen Wintern beobachten wir meist eine überaus reiche Blüte und Fruchtbarkeit der Obstbäume. Diese teils erzwungene, teils instinktive Nahrungsenthaltung und -beschränkung in der Natur, im Pflanzen- und Tierreich bezweckt durchwegs eine Reinigung des Organismus von alten, belastenden oder aber von krankmachenden, giftigen Stoffen; sie ist oft genug darüber hinaus eine Vorbereitung auf besonders lebenswichtige Vorgänge: die Frühlingsblüte der Bäume, die Fortpflanzungstätigkeit der Winterschläfer, des Wildes, der Vögel, das Laichen der Fische. Es ist, als ob die Natur im Laufe des jährlichen Rhythmus dem Lebewesen noch eine letzte harte Prüfung auferlegen wollte, von deren Bestehen sein Fortbestand, seine Fortpflanzung abhängt. Gereicht ihm diese Zeit nicht mehr zur Reinigung und Erneuerung, so wirkt sie sich zerstörend aus: das Tier, die Pflanze geht zugrunde, meist noch im Vorfrühling, jener Zeit der sich nähernden Sonne, die ja alle Abläufe, Wachstum wie Tod, beschleunigt. Nur das Beste soll Frühling und Sommer erleben und sich vermehren. Es gibt viele Analogien zwischen den jahreszeitlichen Vorgängen in der Natur und den Lebenserscheinungen des Menschen. Geht es nicht manchen Völkern kälterer Zonen ähnlich wie den Tieren? Den Eskimos, den Lappen, den Mongolen und Himalajastämmen, ihnen allen, die von unseren vielen Zivilisationskrankheiten nichts wissen,werden jedes Frühjahr die Vorräte knapp. Die Hausfrauen müssen genau einteilen und sparen, und alle Erwachsenen fasten bzw. hungern mehr oder weniger, läutern sich aber dabei an Leib und Seele und machen sich bereit für die alljährliche große Auferstehung. Auch bei uns in Europa ist eine solche winterliche Nahrungsnot spürbar, wenn auch nur in qualitativer Hinsicht. Wir kennen alle die sogenannte Frühjahrsmüdigkeit. Nach dem langen Sonnenmangel hat der Organismus seinen Bestand an Vitaminen aufgezehrt. Außerdem machen sich die mit der wachsenden Sonnenkraft verbundenen Reinigungsvorgänge bemerkbar, oft recht unangenehm, vor allem bei dem, der beladen und belastet mit Stoffwechselschlakken - es versäumt hat, bewußt und freiwillig jenes Fasten, jene große Blutreinigung und -erneuerung auf sich zu nehmen, die das Tier und der primitive Mensch noch aus Instinkt, aus innerem Zwang und äußerer Not durchmachen muß. Auf Grund jahrzehntelanger Tradition und ärztlicher Erfahrung, die in Deutschland eng mit den Namen Dr. Möller, Dr. Riedlin, Dr. Nordwall, Dr. Buchinger, Dr. Heun u. a. verbunden ist, wissen wir heute von der tiefgreifenden Heilwirkung einer systematisch durchgeführten längeren Nahrungsenthaltung bei fast allen akuten und chronischen Krankheiten. Das erste und auffallendste Zeichen einer fieberhaften Erkrankung, wie Scharlach, Masern, Lungenentzündung usw., ist stets die Appetitlosigkeit. Es ist falsch, einem solchen Kranken Speisen irgendwelcher Art, besonders aber sogenannte "kräftigende Kost", aufzudrängen. Wir ernähren damit nicht den Patienten, sondern seine Krankheit. In jedem derartigen Fall ist das Fasten die primäre und eigentliche Naturheilmethode. Zur ärztlichen "Maßnahme" und "unblutigen Operation" wird es jedoch dann, wenn zwar Appetit vorhanden ist, dieser aber durch ein bewußtes Fasten überwunden wird. Therapeutisch besonders bewährt hat sich eine solche längere oder kürzere Nahrungsenthaltung bei bestimmten chronischen Leiden, deren wirksamste Behandlung mit anderen, auch biologischen Methoden mehr oder weniger problematisch oder undankbar ist. Dazu zählten die chronische Stuhlträgheit; alle Zirkulationsstörungen einschließlich Blutdruckerhöhung, muskulärer Herzschwäche und Kranzgefäßverengung; dann die chronische Bronchitis und das Bronchialasthma; die verschiedensten Hautkrankheiten von der hartnäckigen Furunkulose bis zur Schuppenflechte; schließlich auch die Vielzahl der rheumatischen und arthritischen Gelenkveränderungen sowie alle rheumatischen Muskel- und Nervenschmerzen. Ja, es scheint, daß das Fasten gewisse Veränderungen des Säurebasenver- hältnisses in Blut und Gewebe nachhaltig auszugleichen vermag. Störungen, die für die Entstehung auch des Krebses, jener schlimmsten aller Menschheitsgeißeln, eine wichtige Voraussetzung darstellen. Auf Grund seiner Beobachtungen an etwa 5 ooo Menschen, die ein- oder mehrmals gefastet haben, konnte der Verfasser eindeutig erkennen, daß diese im krebsgefährdeten Alter weit seltener einer Geschwulstkrankheit zum Opfer fallen, als üblicherweise zu erwarten wäre. Noch eine sehr ernste Krankheit, die fortschreitende Muskellähmung der Multiplen Sklerose, reagiert nicht selten sehr günstig auf wiederholtes längeres Fasten. Auch Pfarrer Otto Kaiser, der in Volkertshausen bei Singen gänzlich "unmedizinische" Fastenübungen durchführt, hat über mehrere derartige, großartige Erfolge berichtet. Besondere Erfahrung sammelte der Verfasser an einer Reihe zuckerkranker Patienten, teils an Insulin gewöhnte alte Fälle, teils solche leichteren Grades, die bisher nur diätetisch oder mit inneren Mitteln behandelt wurden. Manche waren unter ihnen, die vom Ernst ihrer Erkrankung keine Ahnung hatten und völlig "verwahrlost" waren, wieder andere, bei denen der Diabetes erst durch die Aufnahmeuntersuchung entdeckt wurde. Zuckerkranke - und dies sei hier auch gegen die Meinung der Schulmedizin mit aller Entschiedenheit festgestellt - fasten grundsätzlich leicht und erfolgreich. Insulinspritzende Patienten müssen selbstverständlich besonders langsam und unter ständiger Überwachung Kohlenhydrate und gleichzeitig Insulin abbauen. Auch werden nicht alle Diabetiker während des strengen Fastens zuckerfrei. Aber man kann meistens eine wesentliche Senkung des Blutzuckers und fast immer (weniger leicht bei jugendlichen Diabetikern) Insulinfreiheit erzielen. Eine solche Kur erfordert viel Umsicht, um sowohl das hyperglyskämische wie hypoglykämische Koma zu vermeiden, jene beiden lebensbedrohlichen Gefahren, die dem Zuckerkranken bei mangelnder Behandlung immer drohen. Nach Abschluß des Fastens fühlt sich ein solcher Patient jedoch dann besonders frisch und weist durch die kurbedingte Schonung seiner gestörten Bauchspeicheldrüsenfunktion (neben allen übrigen hormonalen Regulationsvorgängen) oft eine wesentlich bessere Kohlenhydrattoleranz auf als vor der Kur. Auf diese Weise gelingt es nicht selten, auch insulinspritzende Patienten von dieser psychisch wie physisch gleich unangenehmen Belastung zu befreien. Andere wieder kommen weiterhin mit geringeren Insulinmengen aus oder können auf innere Medikamente umgestellt werden, sofern nicht schon eine vernünftige Ernährungsreform allein zur Kompensation ausreicht. Die meist grundfalsch zusammengestellte, viel zu fett- und eiweißreiche, vitaminarme Kost der Zuckerkranken verursacht häufig jene gefährlichen Komplikationen, die man noch heute der Zuckerkrankheit, nicht aber der Mangelkost in die Schuhe schiebt. Nicht ohne Absicht sei der häufigste aller Fastenanlässe zuletzt genannt: die Korpulenz. Gleichgültig, ob an ihrem Zustandekommen vorwiegend hormonale Drüsenstörungen oder vorwiegend Unmäßigkeit im Essen und Trinken schuld sind, ein längeres, gründliches und wiederholtes Fasten ist momentan immer wirksam. Doch müssen sich gerade solche Fastenkandidaten darüber klar sein, daß der ihrer Einsicht und Selbstbeherrschung unter- liegende Anteil ihres Zustandes nicht durch Fasten allein ersetzt werden kann. Nur wer danach und zwischen den Kuren vernünftig lebt und durch eine spartanische Eßdisziplin sein Gewicht eisern hält, wird als Korpulenter vom Fasten auf die Dauer profitieren. Alle übrigen greifen doch alsbald wieder zu den so bequemen Präparaten und Spritzen. Sie stellen einen leider recht undankbaren Anteil der Fastenden, obwohl gerade sie es am nötigsten hätten, sich immer wieder fühlbar und von innen heraus zu entlasten und zu entschlacken. Denn wir kennen heute die verminderte Lebenserwartung der Übergewichtigen und ihre erhöhte Gefährdung hinsichtlich aller Krankheiten, verglichen mit ihrem normal- oder untergewichtigen Altersgenossen. Shakespeare läßt dem Falstaff zurufen: "Den Leib mindere, mehre deine Gnade! Wisse, daß das Grab dir zehnmal weiter gähnete als dem Schlanken!" Der Korpulente leidet in erhöhtem Maß anAnpassungsschwierigkeit (Unfähigkeit auf wechselnde Umweltsituationen in jeweils adäquater Form zu reagieren), daraus resultierender relativer "Unreife" sowie an Mißtrauen bzw. Minderwertigkeitsgefühl seiner Umgebung gegenüber. Was nun den praktischen Verlauf eines solchen Heilfastens betrifft, so gestaltet sich dieses in der Mehrzahl der Fälle weit harmloser, als es sich der Unkundige im allgemeinen vorstellt. Wird der Organismus nicht mehr ernährt, so stellt er sich innerhalb weniger Tage, manchmal auch Stunden, vom „Nahrungsverzehr" auf "Vorratsverzehr" um. Dies um so leichter, je froher und freiwilliger der Kranke sich seiner Kur unterzieht. Gerade Dr. Buchinger, einer unserer erfahrensten Fastenärzte, weist mit Recht auf die Wichtigkeit der psychischen Einstellung des Patienten und seiner seelischen Führung durch den Fastenleiter hin. Damit ist wohl auch grundsätzlich der Unterschied zwischen "Fasten" und erzwungenem "Hunger" zu erklären. Jenes löst, befreit, erhebt, dieser quält, vernichtet. Das Hungergefühl verschwindet jedenfalls unter diesen Voraussetzungen meist rasch und völlig. Etwas schwieriger gestalten sich - wenn überhaupt nur die ersten Tage. Zu trinken gibt es Kräutertee, kochsalzfreie Gemüsebrühe, verdünnte Fruchtsäfte in einer Tagesmenge von rund 3/4 Litern. Durch das im Körper nunmehr verbrennende Fett und Eiweiß kommt es zur Ausscheidung gasförmiger Stoffwechselprodukte, die einen unangenehmen Mundgeruch und subjektiv vermehrte Müdigkeit bis Benommenheit erzeugen können. Der Zungenbelag nimmt in den meisten Fällen von Tag zu Tag zu. Es ist aus diesen Gründen zweckmäßig, sich einer besonders intensiven Mundpflege mit täglich mehrmaligem Bürsten der Zähne und Zunge zu befleißigen. Regelmäßige hohe Einläufe und möglichst ein intensives Darmbad wöchentlich sorgen für Entleerung des restlichen Kotes und der laufend anfallenden Schlacken, die den Körper nicht nur über den Darm, sondern auch über die Lungen und Nieren verlassen. Grundsätzlich sollte jeder, der aus gesundheitlichen Gründen zu fasten beabsichtigt (und dies gilt insbesondere für Patienten mit schwereren Leiden), eingehend auf streuende Herde untersucht werden. Dazu können die Zähne zählen (auch wenn sie nicht schmerzen und regelmäßig vom Zahnarzt untersucht werden!), ferner die Mandeln (auch wenn sie sich nicht besonders bemerkbar machen), die Stirn- und Kieferhöhlen, die Gallenblase, der Blinddarm und noch einige andere heimtückische Stellen. Selbst der Darm kann durch Überhandnehmen von Gärungs- und Fäulniserregern zu einem Streuherd krankmachender Gifte werden. Alle Zahnherde sollten beim Kranken ohnedies rigoros entfernt werden. Es gibt keine andere Behandlungsmöglichkeit derselben. Durch das Fasten kann andernfalls nicht nur eine Aktivierung dieser Herde, sondern auch evtl. damit zusammenhängender sekundärer Leiden ausgelöst werden. Die Mandeln sollen nach dem Vorgehen Dr. Röders, Buchingers u. a. wöchentlich wenigstens 2-3mal abgesaugt und massiert werden, was sich bei Tausenden von Fastern ebenfalls als sehr wertvoll und wirkungssteigernd erwiesen hat. Buchinger erklärt dies mit den engen Beziehungen zwischen Rachenmandel und Hypophyse, jenem zentralen Steuerungsorgan unseres vegetativen Nervensystems, ferner mit der Steigerung der lympha- tischen Abwehr und Entgiftung im Verlaufe der regelmäßigen Anregung der Mandeln. Sie brauchen auch bei schweren chronischen Entzündungszuständen nur in den seltensten Fällen herausgenommen zu werden, wenn mehrere solche Kuren, unterstützt durch systematisches Rödern, durchgeführt werden. Was an sonstigen"Fastenhilfsmethoden" noch zur Anwendung kommen muß, richtet sich ganz nach dem Zustand des Fasters. Auch die Hautpflege bedarf besonderer Beachtung, wozu sich tägliche Naßoder Trockenbürstungen,Massagen, Ölungen, Luft- und Sonnenbäder eignen. Die Anstalt des Verfassers kombiniert seit rund einem Jahrzehnt das Fasten grundsätzlich mit Wasseranwendungen, die bei fröstelnden Asthenikern vorwiegend warm oder wechselwarm, bei vollblütigen Pyknikern vorwiegend kalt nach der Methode Kneipps gegeben werden. Besonders beliebt sind die täglichen Heublumenpackungen irgendwelcher schmerzender Stellen bzw. des Leibes oder der Leber. Grundsätzlich sollte sich ein Fastender täglich viel Bewegung machen, weil dadurch die Atmung vertieft und die Auflösung wie Ausscheidung der Stoffwechselschlacken gefördert werden. Die Dauer einer Fastenkur richtet sich ganz nach dem vorliegenden Leiden und der Konstitution des Patienten. Es gibt gute und schlechte Faster. Bei guter Leitung und den erwähnten unterstützenden Hilfsmaßnahmen können 14 Tage bis 3 Wochen als ausreichendes Mittelmaß gelten, manchmal weniger, manchmal mehr. Rein gewichtsmäßig ist im Durchschnitt mit 1/2 kg Abnahme je Fasttag zu rechnen. Zeichen dafür, daß das Fasten beendet werden kann, ist dem Kundigen das Allgemeinbefinden, die erzielte Gewichtsabnahme, der Reinheitsgrad der Zunge und des Darmes, die Art und Stärke der überstandenen „Fastenkrisen", der wiedereinsetzende Appetit. Für mannchen ist das Fastenbrechen eine größere Kunst als das Fasten selber, worauf auch Buchinger immer wieder hinweist. Die Aufbaukost muß nach ganz bestimmten Regeln zusammen.gesetzt sein und darf vor allem nur langsam ansteigende Mengen von Eiweiß und Fett enthalten. Nach 3-4 Übergangstagen hat sich der Verdauungsapparat meist wieder eingespielt und arbeitet nicht selten besser und regelmäßiger als vor der Kur. Zweckmäßigerweise benützt der Ausgefastete diese Gelegenheit, der bürgerlichen Küche und den Genußgiften von Stund an möglichst weitgehend zu entsagen. Selbstverständlich hat er schon während des Fastens weder geraucht noch Alkohol getrunken. Aber seltsam; auch in diesem Punkt gibt es Unbelehrbare, die nicht ahnen, welch begnadete Stunde sie ungenutzt vorübergehen ließen. Es blieb uns versagt, ihnen von ihrem Schicksal etwas abzunehmen. Man hat das Fasten mit Recht als die große unblutige Operation der Naturheilkunde bezeichnet. Daher ist es ratsam, eine derartige gründliche, zumal erstmalige Fastenkur nur in einer darauf eingestellten Anstalt durchzuführen. Aber auch ein Fasten von 1-2 Tagen oder Überspringen einzelner Mahlzeiten ist oft schon von gesundheitlichem Nutzen. Der länger Fastende löst sich für einige Zeit von vielen irdischen Bindungen und wird mehr als sonst Gelegenheit finden zur Einkehr und Sammmlung. Das Fasten hat deshalb einen nicht geringen metaphysischen Anteil. Als Weg der inneren Läuterung und "Buße" wurde und wird es in irgendeiner Form von sämtlichen religiösen Lehrern und Führern der Welt empfohlen. Der Fastende ist mehr als jeder andere Mensch den erhebenden, heilenden Kräften des Gebetes aufgeschlossen und tut gut daran, von dieser Seite nicht weniger Hilfe zu erwarten als vom rein körperlichen Geschehen her. Fastenkuren kranker Menschen sollten aus diesen Gründen auch nur durchgeführt werden unter der Leitung von Ärzten oder Naturheilkundigen, die diese Heilmethode auf Grund eigener Erlebnisse und mit Vertrauen auf den uns innewohnenden göttlichen Arzt anwenden. Paracelsus nannte ihn den "Archaeus". Er allein macht uns gesund. Die zur Anwendung kommende äußere Technik kann ihn höchstens unterstützen, ihm die Wege ebnen. Und es wird uns gerade beim Fasten kranker Menschen immer wieder so besonders klar, daß „Heilen" und "Geheilt werden" eine Gnade bedeutet, der man sich öffnen kann durch ein entschiedenes positives Verhalten, die sich jedoch nicht verträgt mit Geschäftigkeit und Spekulation. Fasten ist ein seltsamer, zweifellos religiöser Vorgang. Die durch und durch kranke, im Materialismus und Wohlstand verdummte, verkrampfte und erstickende Menschheit unserer Zeit sollte sich des Fastens erinnern und sich desselben wieder öfter bedienen. Anschrift: Dr. med. K. Windstosser, Bad Wiessee Sonderdruck aus „Der Naturarzt", 86. Jahrgang, Heft 1/1964, Seite 78, Paracelsus-Verlag GmbH Stuttgart Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der photomechanischen Wiedergabe und der Übersetzung vorbehalten. |
|
Zu
Fragen über das Copyright © Dr. med. Karl-Heinz Braun-von Gladiß, 2002 |