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Dr.med.K.Windstosser

DIE ERNÄHRUNG DES KREBSKRANKEN UND KREBSGEFÄHRDETEN

Fassung für die ZDN-Großveranstaltung am 11.6.83 in Karlsruhe

Die Tatsache, daß Krebs in allen seinen Erscheinungsformen und Stadien prinzipiell eine Erkrankung des gesamten Organismus und nicht nur ein begrenzt-örtlicher Vorgang ist, für den man ihn ein Jahrhundert lang gehalten hat, kann angesichts einer Fülle wissenschaftlicher und erfahrungsheilkundlicher Beweise heute nur noch von akademischen Wirrköpfen bezweifelt werden. Deshalb muß ein zeitgemäßes Konzept der Krebstherapie und Krebsvorsorge unter Einschluß der Aufgaben des Chirurgen den Kranken oder Gefährdeten unbedingt in seiner gesamten psychischen und physischen Einheit zum Gegenstand haben. Da wir aber keinen anderen Faktor der Lebenserhaltung kennen, der den organischen Bereich des Menschen so prägt wie die Ernährung, entspricht es zwar der Auffassung einer veralteten Medizin, kann es aber nur noch als rückständig, unbelehrbar und verantwortungslos gelten, wenn man in Fachkreisen sowohl den kokarzinogenen, d.h. krebefördernden als auch den adjuvant-therapeuthischen Einfluß des Essens und Trinkens auf das Krebsgeschehen heute noch unterschätzt oder leugnet.

Die Bezeichnung "Krebsdiät" oder "Antikrebsdiät" sollte man aus verschiedenen Gründen allerdings vermeiden, und zwar deshalb, weil es eine solche ganz einfach nicht gibt. Bis heute konnte nirgends und von niemand eine fortgeschrittene Krebserkrankung durch eine besondere Kostform allein auf die Dauer ausgeheilt werden, und sei sie noch so klug ersonnen und kompromisslos durchgeführt worden. Auch die dänische Ärztin Dr.Kirstine Nolfi, die in einem Büchlein mit dem Titel "Meine Erfahrung mit Rohkost" über das Verschwinden ihres eigenen Brustkrebses unter dieser sehr strengen Ernährungsweise berichtet, konnte sich dieses Erfolges zwar jahrelang erfreuen, ist ihrem Leiden schließlich aber doch erlegen. Wir werden auf die segensreiche Wirkung der Rohkost noch zu sprechen kommen.

Es gibt nur eine Ernährungsgrundregel, die für Gesunde und Kranke stets und immer Gültigkeit hat: Das vom Schweizer Arzt und Ernährungsforscher Bircher-Benner um die Jahrhundertwende aufgestellte Gesetz des Nahrungs-Integrals, also der Nahrungs-Ganzheit und der Nahrungs-Ordnung. Jede spätere Ernährungslehre mußte sich an diese Grundregeln halten und tat sie es nicht, so war sie unbiologisch und von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Wir haben viele solche Lehren kommen und gehen sehen.

Prinzipiell gilt: Je weiter wir uns von der Nahrung des Paradieses entfernen, desto satanischer werden die Strafen. Der Mensch ist, wie seine nächsten Verwandten im Tierreich, die Primaten, von Natur aus ein Nüsse- und Früchteesser, ein Vegetarier. Dafür gibt es viele Beweise anatomischer, physiologischer, erfahrungsheilkundlicher, aber auch moralischer Art. Vor hundert Jahren hat der in den USA lebende Ernährungsforscher Emmet Densmore die Greifwerkzeuge, die Gebisse, die Darmlängen, den Körperbau und andere Eigenschaften der Fleischfresser, der Allesfresser, der Pflanzenfresser und der Nüsse- und Früchtefresser kritisch verglichen. Es sprechen alle Argumente dafür, daß der Menschheit nur die zuletzt genannte Ernährungsweise adäquat ist. Und es hat durchaus den Anschein, daß die wohlstandsbedingte Wandlung der Ernährungssitten in den Industrieländern von der einfachen, natürlichen Vollkorn-, Obst- und Gemüsenahrung in Richtung Fleisch und Wurst, industriell verfeinerte Kohlenhydrate und Milchprodukte Hauptursache auch des Gesundheitsverfalls, der zunehmenden chronisch-degenerativen Leiden in diesen Ländern einschließlich der Geschwulsterkrankungen ist. Es liegen bestimmte Langzeitversuche an Tieren unter Beobachtung mehrerer Generationen vor, die ergaben, daß lebenslängliche Fehlernährung eines Elternpaares genetische Schäden noch im dritten und vierten Glied hinterlassen kann. Die bedauerliche psychische und physische Anfälligkeit unserer Jugend, insbesondere auch die bisher wissenschaftlich unerklärliche Wachstumsbeschleunigung, wird von manchen Forschern mit solchen nutritiven Fehlern, nicht nur der gegenwärtigen Generation, sondern deren Vorfahren in Verbindung gebracht.

Hinzu kommen gewichtige volkswirtschaftliche Momente, die allerdings nicht unmittelbar zu meinem Thema gehören. Wenn wir demnächst 5 Milliarden, um die Jahrtausendwende 6 Milliarden Menschen auf dieser Erde werden ernähren müssen, können wir uns den kalorienfressenden Umweg über Fleisch, Ei und Milch voraussichtlich gar nicht mehr leisten. Von der gleichen Bodenfläche, die für Vieh- und Geflügelhaltung benötigt wird, könnte eine vielfache Menge Vegetarier vollwertig ernährt werden. Auch darüber gibt es exakte Studien und Beweisführungen, aber schon Max Planck sagte ja, daß es in unserer Zeit leichter sei, Atome zu spalten, als Vorurteile und Gewohnheiten auszurotten.

Aus dem National Cancer Institute in Washington, das mit 15 000 Angestellten über einen Jahresetat von einer Milliarde Dollar verfügt, kommt als Ergebnis eines jahrelangen Forschungsprogramms die alarmierende Botschaft, daß bestimmte Ernährungsgewohnheiten die Krebsentstehung mehr fördern als die Umweltgifte. Eine zehnjährige Studie der WHO in Finnland erbrachte kürzlich, daß sich schätzungsweise 100 Millionen Bewohner der Industrieländer falsch, nämlich in Richtung Herzinfarkt und Krebs, ernähren. In diese Untersuchungen wurden die Faktoren Streß, Genußgifte einschließlich Tabak und Alkohol, Umweltschäden und die biologische Qualitätsminderung der Agrarprodukte als Folge der Intensivlandwirtschaft noch gar nicht mit einbezogen. Wenn globale Fehlernährung aber zu diesen beiden wichtigsten therapieresistenten Leiden und häufigsten Todesursachen führt, so kann man daraus doch nur logisch schließen, daß die rechtzeitige und permanente Vermeidung der nachgewiesenen Fehler zur Ausheilung, bei jüngeren Menschen und Kindern zur Vorbeugung dieser verhängnisvollen Gesundheitsschäden beitragen muß.

Bereits 1960 wurde in der Zeitschrift Metron eine auf breiter Basis entstandene Arbeit veröffentlicht, die unter den die Gesamtbevölkerung der Erde schon damals bedrohenden Krebsgefahren nur drei eindeutig als solche anerkannte, nämlich den Alterungsprozeß, die Höhe des Konsums an tierischem Fett und - interessanter Weise - den Verbrauch an Wärmeenergie, gemessen in Kilowattstunden, sei es für die Zubereitung der Nahrung, sei es für Heizzwecke, sei es an anderweitig eingesetzter technischer oder elektrischer, also auch strahlender Energie im menschlichen Lebensbereich. Ein zunächst verdächtigter vierter Zusammenhang der Krebsentstehung mit dem Konsum von tierischem Eiweiß konnte nach Verfeinerung der statistischen Erfassung dann doch nicht bestätigt werden. Da bei diesen Untersuchungen aber die Frage nach der Dysbiose, der bakteriellen Situation im Darm, unberücksichtigt blieb, auf die wir gleich zu sprechen kommen, hätte es sein können, daß sich auch dieser Faktor schon damals als kokarzinogen, als krebsbegünstigend, hätte erweisen lassen. Auf intestinale Zusammenhänge deutet jedenfalls die von mehreren Autoren immer wieder hervorgehobene, dem Fleischkonsum proportional entsprechende Häufigkeit des Dickdarmkarzinoms und des Brustkrebses bei der Bevölkerung Nord- und Südamerikas im Vergleich mit dem viel selteneren Auftreten dieser Geschwulstarten bei den weitgehend vegetabil lebenden Bewohnern Japans, Chinas und Polynesiens, soweit es sich um Buddhisten handelt. Zu ähnlichen Ergebnissen kam eine ebenfalls sehr gründliche Untersuchung von Mittmann, veröffentlicht in KREBSARZT 2/1961. Dabei wurde die Krebssterblichkeit in 29 Ländern mit dem Kohlenhydrat-, Eiweiß- und Fettanteil der dort üblichen Durchschnittsnahrung, ausgedrückt in Kalorien, verglichen. Dabei ergab sich, daß die Kohlenhydratkalorien mit rückläufiger Krebssterblichkeit auf über 70 % der Gesamtnahrung anstiegen, während die Eiweiß- und Fett-Kalorien in etwa gleicher Weise bis unter 14 % zurückgingen, wobei auch hier wieder die tierischen Eiweiß- und Fettquellen vorherrschten. Gemessen an der niedrigsten Krebshäufigkeit erwies sich als optimale Nahrungszusammensetzung das Kalorienverhältnis

Kohlenhydrate : Eiweiß : Fett = 6/8 : 1/8 : 1/8.

Was nun die Darmbakterien betrifft, so konnte der Onkologe Burkitt nachweisen, daß sich bei den Bewohnern von Ländern mit hohen Dickdarmkrebsraten wie Europa, Nord- und Südamerika eine andere Darmflora findet als bei den Menschen in Afrika, Indien und Japan, wo diese Geschwulstart seltener ist. Aries und Hill fanden um 1970, daß sich unter bestimmten bakteriellen Voraussetzungen aus den bei vermehrtem Fleisch- und Fettgenuß besonders reichlich vorhandenen Gallensäuren im Darm potentiell karzinogene Substanzen bilden. Zusätzlich verhängnisvoll wirkt sich dabei die Menge und die Verweildauer des Kotes im Darm bei proteinreicher, ballaststoffarmer Nahrung aus. Das mittlere Stuhlgewicht der zentralafrikanischen Landbevölkerung beträgt pro Tag 300 - 400 g bei einer durchschnittlichen Passagezeit von 30 Stunden, während die städtische Bevölkerung der Industrieländern täglich 120 - 150 g Stuhl absetzt bei einer Passagezeit von 60 - 70 Stunden. Es ist klar, daß die endogenen und exogenen Karzinogene unter diesen Umständen länger in Kontakt mit der Darmschleimhaut bleiben und sich auf ein kleineres Stuhlvolumen konzentrieren. Gleichzeitig wäre dies eine Erklärung dafür, warum die Dickdarmkarzinome in den endständigen, afternahen Partien mit besonderer Vorliebe auftreten. Bei Dysbiose und der nicht seltenen Besiedelung der Darmschleimhaut mit dem Fäulniserreger Proteus entsteht aus der Aminosäure Tryptophan Indikan, das wir als Indol und Karzinochrom im Harn Krebskranker und Krebsgefährdeter nachweisen können. Diese Substanzen sind kokarzinogen, d.h. beim Hinzukommen weiterer begünstigender Faktoren krebserzeugend. Dem Pathologen Büngeler gelang es, im Tierversuch mit Indikan Leukämie zu induzieren.

All diese Fakten einer verhängnisvollen Eiweißüberfütterung werden ergänzt und bestätigt durch die Forschungsergebnisse von Professor Wendt, Frankfurt, veröffentlicht in dessen Buch "Krankheiten verminderter Kapillarpermeabilität". Die bisher von der Physiologie vertretene Meinung, Eiweiß könne vom Organismus nicht gespeichert werden, sondern müsse ihn bei überschießender Zufuhr stets über den Darm verlassen, wurde durch Wendt widerlegt. Er wies nach, daß sich in diesem Fall eine Eiweiß-Stärkeverbindung, das schon früher bekannte Amyloid, als Depot in der Basalmembran der Kapillarwandung einlagert. Dadurch wird zunächst die Durchlässigkeit der Endstrombahn gegen die Körperzellen beeinträchtigt und schließlich völlig blockiert, was zum allmählichen Erliegen der Zufuhr lebenswichtiger Nährstoffe einschließlich Sauerstoff und des Abtransportes toxischer Stoffwechselprodukte führt. Wendt nennt diesen Zustand die "Porenverlustkrankheit", Hypoporäpathie. Des weiteren kommt es dann durch die Anhäufung der Stoffwechselprodukte und die anhaltende Eiweißüberfütterung zu einer gewissen Bluteindickung, zur Hyperproteinämie, wie es Wendt bezeichnet. Die von der Hypoporopathie und Hyperproteinämie am stärksten und folgenschwersten betroffenen Organe sind fataler Weise gleichzeitig die für die Lebenserhaltung wichtigsten: Herz, Leber, Nieren und Gehirn. An anderen Körperstellen wieder steht unter dem Einfluß des Sauerstoffmangels die Krebsgefahr im Vordergrund.

Hinsichtlich der Hyperproteinämie möchte ich darauf hinweisen, daß die allgemein geltende obere Grenze des von den Laboratorien angegebenen Streubereiches für Eiweiß im Blut als zu hoch betrachtet werden muß. Auch bei anderen serologischen Werten, etwa bei Natrium, bei Cholesterin, bei den Blutfetten, geht man heute von zu hohen Zahlen aus. Das hat seinen Grund darin, daß sich bei der Durchschnittsbevölkerung unter den üblichen bügerlichen Ernährungsunsitten auch ohne Vorhandensein manifester Krankheitszeichen fast immer leicht pathologische Werte finden, von denen man in der Medizin eben ausgeht. Jeder Patient, der dauernd über 7,5 g/dl Bluteiweiß aufweist, ist für mich hyperproteinämieverdächtig,besonders dann, wenn auch noch hohe Erythrozyten- und Hämoglobinzahlen oder ein relativ hoher Blutdruck vorhanden sind. Jedes bei 8 oder darüber liegende Bluteiweiß ist für mich eindeutig pathologisch und dringend behandlungsbedürftig, wobei zunächst jedes tierische Eiweiß, evtl. sogar Milcheiweiß in jeder Form ausgeschaltet werden muß. Es hat gar keinen Sinn, in solchen Fällen kreislaufwirksame, blutdrucksenkende oder herzwirksame Mittel zu verordnen. Auch die Maßnahmen der Herdsanierung, der Sauerstoffutilisation und zur Beseitigung der Mesenchymblockade, die beim Krebsbedrohten gewiß an der Spitze zu stehen haben, sind nur erfolgversprechend und komplikationslos durchführbar auf der Basis einer der nahrungsbedingten Belastung des Kranken entsprechenden Ernährungsumstellung .

Der Verzehr an Fleisch, Wurst, Fisch und Ei nähert sich in unseren Breiten pro Kopf und Jahr allmählich der 100 kg-Grenze. In diesen Nahrungsmitteln und zusätzlich in der Butter, die neben der Magermilch noch immer ihren hohen Marktanteil behauptet, steckt als weiterer Risikofaktor das bei den Darmgiften und den Blutfetten erwähnte tierische Fett. Landschaftlich variierend, liegt der tägliche Pro-Kopf-Konsum zwischen 90 und 120 g und damit etwa bei der doppelten Menge des Bedarfes eines im übrigen vollwertig ernährten Erwachsenen. Für mich und meine Patienten gibt es also nur die eine Regel: Bei einem täglichen Fettverbrauch zwischen 40 und 50 g ist Butter zwar in kleiner Menge gelegentlich erlaubt, nicht gehärtete, cholesterinfreie und vitalstoffreiche pflanzliche Fette in Reformhausqualität und kaltgeschlagene Öle jedoch zu bevorzugen. Eine fehlgeleitete Landwirtschaft, die nicht zu bewältigende Probleme in Form von Butterbergen und überschießenden Milchprodukten heraufbeschworen hat, darf uns in Fragen gesundheitsfördernder Ernährung freilich am wenigsten kompetent sein.

Im Übrigen brauchen wir uns um ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Eiweiß, Fett und Kohlenhydraten dann am wenigsten zu kümmern, wenn wir uns alle Nahrungsbestandteile in ihrem möglichst natürlichen, industriell und küchentechnisch unveränderten Zustand zuführen und wenn die Ernährung im Falle des Krebsgeschehens je nach dem Stadium der Erkrankung graduell 1. rein vegetabil, 2. laktovegetabil, 3. ovolaktovegetabil gehalten wird. In dieser Abstufung und Reihenfolge ernähre ich meine Patienten seit 15 Jahren unter genauer Laborkontrolle und klinischer Beobachtung und glaube, damit das Optimum der Dauerkost - also nicht etwa einer vorübergehenden „Diät“ - des Krebskranken und Krebsgefährdeten gefunden zu haben. Fleisch, Wurst und Fisch ist in dieser Ernährung nicht enthalten und sollte auch in späteren Jahren anscheinender Vollgesundheit eine nur noch ganz untergeordnete Rolle spielen. Je jünger und aggressiver die Geschwulstkrankheit, desto strenger vegetabil, aber auch desto überlegter, gehaltvoller und kalorisch ausreichender die Kost. Evtl. müssen solche Patienten, wenn sie appetitlos und abgezehrt sind, häufige kleine Mahlzeiten erhalten, u.U. in vorwiegend flüssiger oder breiiger, im Starmix zubereiteter Form, bis später die normale Nahrungsaufnahme möglich wird. Dem Arzt kann in solchen Fällen die zusätzliche Kalorienzufuhr mittels intravenöser Tropfinfusionen obliegen. Am wichtigsten ist jedoch bei alledem: Je kränker der Patient, desto dringender benötigt er Rohkost, die eigentliche Trägerin der Lebenskraft, der aus dem Sonnenlicht stammenden Biophotonen, die schon Bircher-Benner vor 80 Jahren erahnte, als er von "Sonnenkraftstoffen" in der von ihm als erstem therapeutisch eingesetzten Rohkost sprach. Rohkost ist permanente Frischzelltherapiel !

Als Eiweißträger gibt es während der ersten verantwortungsvollen Wochen und Monate der Behandlung eines Krebskranken nach dem oben erwähnten Schema nur vegetabile Quellen wie Sojaprodukte, Sojamilch, Erbsen, Bohnen und Linsen, die auch vom schwächsten Magen spielend und ohne jede Blähung vertragen werden, wenn man sie wie Sojabohnen einige Tage feucht hält und keimen läßt. Dann müssen Hülsenfrüchte allerdings noch gekocht werden, im Gegensatz zu gekeimten Sojabohnen und gekeimtem Getreide. Auch in diesem Punkt gibt es leider noch einige Unklarheiten. Weil der Mensch kein Vogel und kein Wiederkäuer ist, kann er Stärkeprodukte im Naturzustand nicht oder nur ungenügend aufschließen und verdauen. Er hat diese Fähigkeit in den rund 300 000 Jahren, seitdem er Ackerbau treibt und Getreide in grösseren Mengen für seine Nahrung verwendet, noch immer nicht erlernt. Es gibt für ihn nur 2 Möglichkeiten die Stärke des Korns verdaulich zu machen: Eine unbiologische, seit Jahrtausenden übliche, die uns wichtiger Vitalstoffe beraubt, die Hitze, das Kochen, Braten und Backen; und eine biologische, weniger bekannte, die das Korn mit lebenswichtigen Stoffen sogar noch anreichert, den Keimungsprozeß. Wer sich über den Unterschied dieser beiden Vorgänge einmal Klarheit verschafft hat, der weiß nun, daß 1. unser tägliches Brot nicht nur keine Rohkost, sondern - durch Hitze denaturiert - nicht einmal ein Lebensmittel höchster Qualität ist, auch wenn es die Bezeichnung "Vollkornbrot" trägt. Überdies ist nur ein Zehntel unserer Brotherstellung Vollkornbrot. Und daß 2. das unter Lebensreformern so verbreitete, auch von Waerland und Schnitzer wärmstens einpfohlene rohe Getreideschrot, auch wenn es frisch gemahlen und in Wasser gequollen ist, den Darm größtenteils unverdaut wieder verläßt. Man kann das durch eine einfache Stuhlprobe mit Jodtinktur nachweisen. Je mehr unverdaute Stärke ausgeschieden wird, desto intensiver blau färbt sich ein solcher Stuhl. Sind die verzehrten Getreideprodukte jedoch durch Hitze oder Keimung assimilierbar und resorbierbar geworden,und sind die Verdauungsvorgänge auch sonst einigermaßen in Ordnung, so fällt diese Probe negativ oder doch viel schwächer positiv aus.

Wir werden deshalb den Keimungsvorgang, wo immer es geht, gegenüber der Erhitzung bevorzugen. Eine etwa übereinstimmende, für Rohkostzwecke optimale Keimdauer bis zu einer Keimlingslänge von 2 - 3 mm erreichen wir mit 3 Tagen im Winter, mit 2 Tagen im Sommer bei Weizen, Roggen und Hafer, während Gerste, Hirse, Buchweizen und Grünkern unterschiedlich lang keimen und deshalb nicht gleichzeitig angesetzt werden können. Eine Mischung der drei erstgenannten Sorten eignet sich besonders, um mit einigen weiteren Zutaten, dem grob geriebenen Apfel und angerührt mit Sojamilch das tägliche wohlschmeckende Müesli herzustellen, von dem ich hoffen darf, daß Sie alle nicht nur das Rezept, sondern dem guten alten Bircher zuliebe auch die richtige Schreibweise kennen.

Im mehrstündig gequollenen und vorher oder nachher nur kurz erhitzten oder auch sachgemäß gedämpften Zustand eignen sich alle Vollkornprodukte natürlich auch mittags als Beilage zur Rohkost oder als vollwerige Abendmahlzeit, sei es Gerste, Hirse, Buchweizen, Grünkern, Weizen-, Roggen- oder Mehrkornschrot. Als Flüssigkeit nehmen wir wieder Sojamilch, nach dem Abkühlen zur Aufwertung Butter, Sahne oder Öl. Durch Zugabe zerkleinerter Datteln, Dörrpflaumen oder -aprikosen kann bei diesen Gerichten gelegentlich auch das Süßigkeitsbedürfnis befriedigt werden. Handelsübliche Haferflocken sind kein Vollkornprodukt, weil ihnen der Haltbarkeit wegen der Keim entfernt wurde und sich die Quetschung zwischen heißen Walzen abspielt. Vollwertkostgeeignet sind also nur Reformhausqualitäten, wie etwa die Marke Holo, die es in drei Feinheitsgraden gibt. Ich schätze die gröbsten als besonders wohlschmeckend. Wer als Rohkostbeilage immer nur Kartoffeln kennt, verrät damit seine Phantasielosigkeit, obwohl ich gegen wohlschmeckende, möglichst aus biologischen Betrieben stammende Kartoffeln nichts einzuwenden habe. Möglichst oft sollte auch richtig gedämpfter Vollreis in verschiedenen Geschmacksabwandlungen auf den Tisch kommen. Er reguliert durch seinen hohen Kaliumgehalt in besonderer Weise den Wasserhaushalt, durch Glutathion und Glukuronsäre die entgiftende Funktion der Leber. In China und Indien, den typischen Reisländern, gibt es kaum Gallensteine, weil dort außerdem auch die Cholesterinbelastung durch Fleisch und tierisches Fett, Vollmilch und Butter sehr gering ist. Ich traute meinen Augen nicht, als ich vor wenigen Tagen im Fernsehen sah, daß sich in China das schneeweiße, gehaltlose amerikanische Weißbrot solcher Beliebtheit erfreut, daß die Leute Schlange stehen und die Ausgabe rationiert werden muß. Wenn dieser Trend vom Reis zum Weißbrot anhält, so kann man die Instinktlosigkeit der Regierung, die das duldet, nur bedauern. Mit dem nicht nur symbolhaften Tausch Reis gegen Weißbrot und Tee gegen Coca-Cola könnte im fernen Osten eine jahrtausendealte Kultur und Gesundheit zugrundegehen, wie sie in den westlichen Industrieländern schon längst unwiederbringlich verlorengegangen ist.

Der gesamte Kohlenhydratstoffwechsel funktioniert nur dann vollkommen, wenn ihm nicht nur das volle, sondern möglichst oft auch das lebendige Korn angeboten wird. Der Bircher-Schüler Professor Kollath hat dem Studium dieser Zusammenhänge sein ganzes Leben gewidmet. Je verstümmelter und denaturierter, je chemisch reiner sich der Mensch

die Kohlenhydrate, sei es als Weißmehl, sei es als Zucker, zuführt, desto mehr verwandelt sich der Segen des Korns in Fluch. Beides hat aus dem Speiseplan des Krebsgefährdeten möglichst für immer, auf alle Fälle während der ersten gefährlichen Jahre der Erkrankung,

ausnahmslos zu verschwinden. Im Gegensatz zu manchen Therapeuten verbiete ich zunächst auch Fruchtzucker und Honig. Ersterer ist ein Kunstprodukt, nicht anders als Rohrzucker, zwar weniger bedenklich hinsichtlich der krebsfördernden Wirkung, weil er den Blutzucker nur geringfügig ansteigen läßt, sondern weil er auch in kleinsten Mengen die Bildung zuckerspaltender Bakterien und Hefen im Darm begünstigt und auf diese Weise der Regeneration einer immunkompetenten Darmflora im Wege steht. Wer unter Stuhlträgheit leidet, wird nie zu regelmäßigen Entleerungen kommen, solange er auch nur ein Gramm Zucker in welcher Form immer zu sich nimmt. Nur Milchzucker ist in kleineren Mengen erlaubt, weil er das Wachstum ausschließlich günstiger Keime unterstützt und im Darm verbraucht wird, ohne in das Blut überzutreten. Honig hingegen, das muß sich auch mancher Lebensreformer und Imker sagen lassen, ist von der Natur nicht als Nahrung des Menschen bestimmt. Wir rauben ihn den Bienen ohne jede Berechtigung und geben diesen womöglich noch als billigen Ersatz Zuckerwasser. Honig ist Invertzucker und besteht als solcher aus Rohrzucker und Fruchtzucker. Für beide Bestandteile gilt das soeben Gesagte über die damit verbundenen physiologischen Nachteile.

Wenngleich wir den untergewichtigen, ausgezehrten Krebskranken mit aller zu Gebote stehenden Vorsicht in der erwähnten Weise aufbauen müssen, so dürfen wir den normal- oder übergewichtigen Patienten durchaus knapp, ja, gewissermaßen an der Grenze des Existenzminimums halten. Im Tierversuch lebten Mäuse mit Impftumoren viel länger, wenn sie minimale Rationen bekamen, gegenüber vergleichbaren Tieren, die nach Belieben fressen durften. Bei Übergewicht wird man sogar versuchen, durch einzelne Fasttage oder kurze, ärztlich überwachte Fastenperioden mit nur Tee und Säften eine Entwässerung des Gewebes und damit verbundene Durchblutungsverbesserung herbeizuführen. Dringend abzuraten ist jedoch vor lebensgefährlichen Experimenten, wie dem 42-tägigen Fasten, das der Heilpraktiker Rudolf Breuß in seinem geradezu kriminellen Bächlein empfiehlt. Krebs ist eine zehrende, entkräftende Erkrankung. Wie kann man von zusätzlicher Abzehrung und Entkräftung Heilung erwarten ? Ich habe in mehreren Fällen, die von Breuß selbst zu solchen Kuren veranlaßt wurden, erlebt, daß die Patienten ihren Tod dadurch nur beschleunigt haben.

Noch ein Wort zu den Getränken. Jeder Kranke sollte viel trinken, aber das Richtige. Durstlosigkeit ist ebenso krankhaft wie Appetitlosigkeit. Kinder haben noch einen gesunden, instinktiven Durst und trinken den ganzen Tag. Aber was soll der Krebskranke trinken? Um es gleich vorwegzunehmen: Möglichst kein hartes Leitungswasser oder die noch härteren, so beliebten Mineralwässer! Lesen Sie bitte die Analysen auf den Flaschen. Wenn ein solches Wasser nicht mindestens 1 g anorganische Salze im Liter enthält, darf es gar nicht Mineralwasser genannt werden. Nun wissen wir aber auf Grund der Widerstandsmessungen im Blut, daß Krebskranke eine mit dem Fortschreiten ihres Leidens proportionale Übermineralisierung aufweisen. Das deckt sich genau mit der herabgesetzten Ausscheidung dieser Salze infolge der Hypoporie in der Endstrombahn der Nierengefäße, die uns von den Wendtschen Untersuchungen her bereits bekannt ist. Wir dürfen in solchen Fällen also keineswegs laufend immer noch mehr anorganische Salze mit harten Leitungswässern oder überharten sogenannten Heilwässern zuführen. Es gibt nur ganz wenige weiche Qualitäten im Bundesgebiet, etwa dreiviertel unserer Wasserversorgung liefert Härtegrade, die im mittleren, hohen und höchsten Bereich liegen. Und alle Mineralwässer liegen noch darüber. Unter 93 als solche anerkannten Sorten weisen mir 5 weniger als 50 mg anorganische Salze im Liter auf, bei der Mehrzahl der übrigen liegt der Mineralsalzgehalt über 1000 mg/l, darunter auch die bei Nierenerkrankungen besonders empfohlene Wildunger Helenenquelle mit 1330 mg/l. Einige der sogenannten Heilquellen enthalten mehr Kochsalz als das Nordseewasser, sodaß man sie überhaupt nur verdünnt genießen kann. Welche Vorteile ein kranker Organismus aber durch solche Pökellake haben soll, konnte mir noch kein Balneologe erklären. Es erscheint einem dieser ganze Heilquellenkult dann umso paradoxer, wenn den Hypertonikern und Nierenkranken während ihrer Kur andererseits eine streng natriumarme oder natriumfreie Kost verordnet wird.

Was wir unseren Krebsgefährdeten also zu trinken geben, sind im Gegensatz zu diesen nur merkantil erklärbaren Gepflogenheiten extrem mineralarme, weiche Wässer, die sich in ihrer physikalischen Qualität dem destillierten Wasser oder dem Regenwasser nähern. Auch da gibt es wieder dumme Vorurteile auszuräumen. Irgendwelche gesundheitliche Gefahren sind damit in keiner Weise verbunden. Generationen von Bevölkerungen von den Marschen und Halligen in der Nordsee über Gibraltar bis in die Hochtäler des Himalaya sind seit Jahrhunderten auf das in Zisternen gesammelte Regenwasser oder auf das Schmelzwasser der Gletscher angewiesen. Niemals wurden bei diesen Menschen Gesundheitsschäden beobachtet, die auf den ständigen Genuß dieser mineralarmen Wässer zurückzuführen wären.In der Bundesrepublik steht uns ein aus dem französischen Zentralmassiv vulkanischer Herkunft stammendes Wasser zur Verfügung, das Eau de Volvic. Es ist in fast jeder Apotheke oder Drogerie und in den meisten Reformhäusern bekannt und lieferbar. Die Eineinhalb-Literflasche kostet etwa eine Mark dreissig, damit liegt diese gute Quelle unter dem Preis der meisten deutschen Mineralwässer. Der Kranke kann davon so viel trinken, wie er möchte, er sollte auch den Tee damit zubereiten und die Säfte verdünnen, die er ja auch alle in Reformhausqualität, selbstverständlich ohne Zuckerzusatz, also als natürliche Moste, trinken darf. Das gleiche gilt für die bekannten milchsauren Gärungsgetränke aus Roten Beten,.Möhren, Sellerie und Sauerkraut. Auch ein Glas trockener Wein oder Sekt ist ab und zu erlaubt, wenn die Leberteste einwandrei ausgefallen sind, während bei Bier wieder die Härte des Wassers ins Gewicht fällt. Grundsätzlich ist aber viel Flüssigkeit erwünscht, weil der Krebskranke viel Giftstoffe aufzulösen, abzutransportieren und auszuscheiden hat. Auch die Konsistenz und der Transport des Darminhaltes profitiert von reichlicher Flüssigkeitszufuhr.

Die Xrzte des Mittelalters nannten den Krebs eine kalte und trockene Erkrankung. Tatsächlich bestätigen die Erkenntnisse der Neuzeit die Richtigkeit dieser Auffassung: Die Kälte ist der gestörte Wärmehaushalt, die Untertemperatur, bei der die Krebszellen am besten gedeihen, die Dysoxibiose; die Trockenheit ist der beim Krebskranken gestörte Wasserhaushalt.

Noch ein Wort zur Milch. Süßmilch ist - trotz aller Lobeshymnen ein für den Krebsgefährdeten ungeeignetes Getränk. Nicht nur, weil wir Eiweiß in jeder Form einsparen wollen, sondern weil das Milcheiweiß einen wissenschaftlich nachgewiesenen, mit dem Eiweißgehalt der Milch graduell an Wirksamkeit zunehmenden Wachstumsfaktor enthält. Von der Natur nur für das Neugeborene bestimmt, geht die Gewichtsverdoppelung nämlich genau parallel dem artspezifischen Eiweißgehalt der Milch vor sich. Was aber hat beim Erwachsenen noch zu wachsen außer etwa einem vorhandenen Tumor, so frage ich Sie. Durch den Säuerungsprozeß geht dieser Wachstumsfaktor auf die Milchsäurebakterien über und die Milch verliert ihre alkalische, animalische, hormonähnliche Eigenschaft. Sie wird verpflanzlicht, wie sich die Anthroposophen ausdrücken. Und in diesem Zustand darf sie der Krebsgefährdete, soweit nicht die Eiweißbeschränkung auch hier Grenzen setzen, mit Bedacht genießen, also als Quark, Buttermilch, Kefir, Sanoghurt, Schwedenmilch usw.

Wir kommen zum Schluß. In Erwartung des morgigen Kurses, der bestimmt noch viele konkrete Fragebeantwortungen und reichlich Gelegenheit zur Diskussion bringen wird, habe ich mich in meinem Referat bewußt auf die mehr allgemeinen Wissensgrundlagen und auf die wichtigsten Warnungen beschränkt. Für den weniger Erfahrenen und den Laien ist es in einem so verantwortungsvollen Bereich des Krebsgeschehens vordringlich wissenswert, was man im Interesse des Kranken oder Gefährdeten zu vermeiden hat. Aus der Erfahrung nicht nur am Patienten, sondern möglichst im Erlebnis der eigenen Ernährungsumstellung, vielleicht unter Beteiligung der ganzen Familie, kommt dann automatisch die Überzeugung und die Sicherheit, um den noch Suchenden richtig zu beraten.

 


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