Prof. Dr. Werner Zabel

  
Wenn ich an Zabel denke

Zu Prof. Dr. med. Werner Zabels 70. Geburtstag am 23. Februar 1964

Zum 70.Geburtstag

Wenn ich an Prof. Zabel denke, der nun das siebente Lebensjahrzehnt erfüllt, werde ich mir der tiefen Dankbarkeit bewußt, die wir diesem Manne schulden, und erfüllt mich die Hoffnung, daß er noch lange in voller Kraft wirken und vor allem jene Entlastung finden könne, die es ihm besser ermöglichen würde, der ärztlichen Nachwelt die Erkenntnisfracht seines Lebens weiterzugeben, die Hoffnung auch, daß die Nachwelt voll erkennen wird, was er für die Zukunft der Heilkunde geleistet hat. Das zu würdigen sind andere als ich besser in der Lage; aber ich bin glücklich, ein wenig beitragen zu dürfen.

Am bemerkenswertesten an Zabel erscheint mir seine menschliche und wissenschaftliche Haltung. Unverrückbar hat er die Große Heilkunde der Zukunft im Auge, die den ganzen Menschen, den Dienst am inneren Arzt, das Ziel der echten Gesundheit und die Zusammenarbeit der Drei (Sihle) Arzt, Gott und Patient - zu verwirklichen sucht. Diese Haltung verbindet er mit Kenntnis und Achtung dessen, was die Lehrmedizin an wissenschaftlicher Denkzucht, Fachwissen,und Hilfsmöglichkeiten errungen hat, und be- gegnet seinen Kollegen, auch wenn sie anderer Auffassung sind, mit jenem Anstand und jener Achtung, die nicht aus den Augen lassen., daß es da viele gibt, die zwar von unkritischen Behauptungen, unfairen Verunglimpfungen und unannehmbaren Vereinfachungen vieler Außenseiter und Naturärzte abgestoßen werden, aber andererseits doch kein volles Genügen finden am Wegblasen von Symptomen, an allzu materialistischer Lehr- und Behandlungsweise und deshalb auf der Suche sind nach einer menschlicheren Heilkunde, Ärzte also, die im Grunde nach der Großen Heilkunde der Zukunft suchen und deshalb für alles offen sind, was in diesem Sinne vorgebracht werden kann, vorausgesetzt, daß es mit Kenntnis und mit Anstand vorgebracht wird. Andererseits ging Zabel auch stets willig in die Lehre, nicht nur bei den Großen und Angesehenen seines Faches, sondern auch bei Außenseitern und «eigenwilligen Vögeln», wenn nur die Aussicht bestand, daß da Hilfe gefunden werden könnte für jene vielen Leidenden, denen mit den Mitteln der Lehrmedizin keine oder keine echte und dauernde Hilfe gebracht werden kann. Es ist nur ein Beispiel für das Gesagte, wenn Zabel, wie man weiß, dies auch auf einem Gebiete so hielt und darin führend wurde, wo andere, weil es heißer Boden ist, am liebsten die Hände davon lassen, bei einer Gruppe von Leiden, die zum Schwersten gehören, was ein Patient erleiden kann, zum Undankbarsten, was ein Arzt behandeln kann, und zu einem der kummervollsten Kapitel der Gegenwartsmedizin: bei den Geschwulstkrankheiten.

Gerade hier bewies Zabel, daß er keinen Augenblick seinen kritischen Sinn entließ, sondern in gründlicher Kenntnis der Selbsttäuschungsmöglichkeiten das Gefundene, innerhalb und außerhalb der Lehrmedizin, mit Sorgfalt auf Bestand und Verlaß erwog und erprobte.

Am besten kam die Haltung und das Format Zabels wohl bei den Ärztlichen Fortbildungskursen für Ganzheitsmedizin zum Ausdruck, die er in Verbindung mit der Westdeutschen Ärzteschaft von 1949 an jahrelang organisierte und leitete. Nicht ein Tummelfeld von Außenseitern, sondern eine hohe und fruchtbare Begegnung von Lehrmedizinern und Außenseitern sollte das werden, und das waren diese denkwürdigen Tagungen denn auch, an deren einigen ich teilzunehmen die unauslöschliche Befriedigung hatte. Immer wieder verstand Zabel, diesen Tagungen ein Niveau zu geben, das der Großen Heilkunde der Zukunft würdig war. Unvergeßlich, wie er sich zu seinen Lehrern bekannte, auch wenn er selbst über sie hinausgewachsen war, wie er klar und mit fein erwogenem Wort zu dem stand, was er als wahr oder wertvoll befunden hatte, aber auch Kritik und Einwand erhob, wo das nötig war, wie er die Diskussion auf eine höhere Ebene zu heben verstand, wenn unbeholfene oder polternde Voten sie zum Entgleisen zu bringen drohten, wie er dem Wort echten und treffenden Sinn gab, ja manchmal glänzende Wendungen fand und dabei doch überaus bescheiden und allen Schlagworten abhold blieb. Ich kann es heute noch nicht verschmerzen, daß die Umstände eine Fortsetzung der Berchtesgadener Ärztekurse nach 1953 nicht mehr zuließen in einer Zeit, da eben der Zug zur Entmenschlichung der Heilkunde in Form des Aufstiegs der «Wundermittel», der Verkassung, der Überspezialisierung und der Technisierung über die werdende und immer besser fundierte diätetisch-physikalische und erzieherische Ganzheitstherapie wieder stärker die Oberhand gewann, einer Zeit, da leider auch innerhalb der Lebensreformbewegung, die, wie mir schien, Grund hatte, sich um einen Mann wie Zabel zu scharen und geschlossen hinter ihn zu stellen, die Zahl jener, die der Aufgabe der Zeit gewachsen schienen, leider eher zurückging, als zuzunehmen.

Werner Zabel ist wie viele große Ärzte eine Künstlernatur. Er war das sogar dermaßen, daß er sein Leben mit der Künstlerlaufbahn begann. Der Erste Weltkrieg riß den Zwanzigjährigen mitten aus dieser Entwicklung heraus. Es zeugt für eine wagemutige Haltung, wie sie sich später auf geistigem Gebiet immer wieder erwährte, wenn Zabel damals zu der jungen Aviatik ging und im Krieg 1914-1918 als Kampf- und Verbindungspilot diente.

Der Krieg ging zu Ende. Alles lag darnieder. Was wollte ein Künstler in jenen schwarzen Tagen? Zabel wandte sich der Medizin zu, doktorierte mit einer Arbeit über die Hygiene des Fliegens und bildete sich anschließend bei Prof. v.Wessely zum Augenarzt aus. Es mag schon darin ein Zeichen für seinen Sinn für Ganzerfassung erblickt werden, daß seine Arbeiten in dieser Zeit der stereoskopischen Vermessung des Auges und dem Ausbau verschiedener augenärztlicher Untersuchungsmethoden galten.

Jedoch eine im Krieg aufgelesene und jahrelang verschleppte chronische Leberentzündung führte ihn um 1930 zur tiefen eigenen Erfahrung der Erfolglosigkeit allen schulgemäßen Behandelns. Sein Leiden wurde immer hoffnungsloser und bedrohlicher. Da lernte er Ragnar Berg und den Danziger Chirurgen Erwin Liek kennen und wurde durch sie in Möglichkeiten diätetisch-physikalischer Heilbehandlung eingeführt. Er genas so weit, daß er die Leitung der Augenabteilung am Evangelischen Krankenhaus in Düsseldorf übernehmen konnte. Doch die Augenheilkunde fesselte ihn nicht mehr ausschließlich. Immer mehr wandte er sich dem Problem «Heilen» überhaupt zu, verließ schließlich seine Spezialität und wurde Allgemeinpraktiker. Das erforderte zwei Jahre ärztlicher Weiterausbildung in innerer Medizin, wobei Zabel das Glück hatte, bei dem großen v. Bergmann zu arbeiten, der in
vielem tiefer und weiter sah als der medizinische Zeitgeist. Danach schloß Zabel eine Zeit der Ausbildung bei einer Reihe von Außenseiterärzten an, lernte bei Aschner, Brauchle, Buchinger und bei Bircher-Benner. In die Psychotherapie ließ er sich von Fritz Künkel einführen. 1936 wurde er als Leiter an die diätetische Abteilung des Versuchskrankenhauses in Dresden berufen, schied aber nach relativ kurzer Zeit von dort wieder aus, um in Berchtesgaden seine eigene Privatklinik zu gründen (1937), die er seither leitet, ausgebaut hat, und welche internationalen Ruf genießt.

Daß Zabel zu der gewaltigen beruflichen Umstellung, zu der zweiten Lehrzeit, zu jahrzehntelanger, höchst anspruchsvoller Leitung einer Privatklinik, zu mancherlei Forschungen und Veröffentlichungen und zur Organisation jener ärztlichen Fortbildungskurse fähig war, daß er sich in seinem siebenten Lebensjahrzehnt daneben noch der Sportfliegerei widmete und daß er nun mit 70 Jahren auf dem Rücken noch in erstaunlicher Leistungskraft dasteht, nachdem er in seiner Lebensmitte durch jene langjährige und fortschreitend schwerere chronische Leberkrankheit erschöpft und an den Rand des körperlichen Ruins gebracht worden war, zeugt fürwahr für den Wert der diätetisch-physikalischen Ganzheitsbehandlung, deren Ergründung und Vervollkommnung er sich zugewandt hatte. Er war einer von denen, die es am eigenen Leibe erfahren haben. jedoch ungleich manchen anderen, machte er daraus nicht ein «so herrlich einfaches» geschlossenes System, sondern ruhte nicht, bis er das Gefundene mit der Kenntnis seiner Zeit und mit seiner eigenen Einsicht und Erfahrung sorgfältig in Einklang bringen konnte, ruhte nicht im ständigen Weiten und Festigen des Grundes solcher Therapie. Auch diese Konsequenz nahm Zabel auf sich, daß er die nicht immer bequeme Verpflichtung erfüllte, sein eigenes Leben der Lehre entsprechend einzurichten und seinen Patienten zum Lehrer und Erzieher zu werden, all dies jedoch nicht ohne jenes Erbarmen, das zum wahren Arzte gehört.

Die Veröffentlichungen Zabels betreffen namentlich das Fasten, die Erzeugung eines gesteuerten Fiebers, die humoralwirksamen Verfahren der alten Ärzte, die Ernährungsfrage und das große Problem der Krebskrankheit. Er ist der Herausgeber der Schriftenreihe für Ganzheitsmedizin. Die Heilwirkungen einer heilwirksamen Ernährung und des Fastens, bei den verschiedensten Krankheitszuständen, die Ganzheitstherapie der Geschwulstkrankheiten und die grundsätzliche Prüfung der Außenseitermethoden auf ihre Wirksamkeit und Begründung sind hauptsächliche Interessen- und Arbeitsgebiete seines Lebenswerkes. 

Dr. Ralph Bircher

 

 


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